Es ist ein kleiner Raum im Gemeindezentrum der Melanchthonkirche in Essen. In der Mitte steht ein riesiger Tisch, der reichlich gedeckt ist. Kaffee, Brötchen, Wurst, Käse, bunte Eier - an alles wurde gedacht. Und der Raum ist voll. Etwa 15 Menschen sind heute gekommen. Viele von ihnen kennen sich schon durch andere Angebote im Zentrum.
Queer im Alter: Neues Angebot in Essen
Christian Schrepper ist allerdings zum ersten Mal hier. Der 62-Jährige hat von dem Treffen in der Zeitung gelesen und ist neugierig geworden. Er möchte neue Kontakte zu queeren Menschen knüpfen - Menschen, die auf seiner Wellenlänge sind, eine ähnliche Geschichte oder Erfahrungen gemacht haben und einander verstehen.
Wie Christian Schrepper das Frühstück für queere Ü60er gefällt
00:17 Min.. Verfügbar bis 26.05.2027.
Die Teilnehmenden des Frühstücks gehören zur kleinen Gruppe der Ü60-Jährigen, die sich offen als lesbisch, schwul, bi-, trans- und intersexuell oder anderweitig identifizieren. Insgesamt leben in NRW etwa 1,8 Millionen Menschen, die zur LSBTIQ*-Community zählen. Bei einer landesweiten Befragung des Familienministeriums 2024 waren jedoch nur rund sechs Prozent der Teilnehmenden älter als 60 Jahre.
Diskriminierung prägt bis ins hohe Alter
Dass sich heute mehr junge Menschen offen als queer identifizieren, ist wohl kein Zufall. Bis 1994 kriminalisierte der Paragraf 175 des Strafgesetzbuches homosexuelle Handlungen zwischen Männern. Auch die Liebe zwischen Frauen war lange ein gesellschaftliches Tabu.
WDR-Programm zum Diversity-Tag am 27. Mai
Unter dem Titel "Gemeinsam sind wir Vielfalt" stellt die ARD zum Deutschen Diversity-Tag am 27. Mai Diversität in den Fokus. Ihr Ziel: Möglichst viele Menschen zu erreichen und Diskriminierung entgegenzutreten. Die WDR Lokalzeit zeigt beispielsweise ein queeres US-deutsches Paar, das wegen der repressiven Politik unter Trump die USA verlassen hat und nun im Münsterland lebt. Mehr zum Programm liest du hier.
"Die Menschen hier haben oft eine Verfolgungsgeschichte oder eine Diskriminierungsgeschichte hinter sich. Sie konnten ihre Sexualität nicht in ihrer Jugend ausleben und das prägt sie auch im Alter noch", sagt Deniz Fingskens von der Aidshilfe, der das Frühstück in Essen mit organisiert. "Deswegen sind sie oft einsam und gehemmt, zu solchen Angeboten zu gehen."
Ein Safe Space für queere Ü60er
Umso wichtiger ist das neue, bisher erste und einzige Angebot für ältere queere Menschen in Essen. Das zeigt sich auch am vollen Frühstückstisch: Mit so vielen Teilnehmenden hatte Fingskens nicht gerechnet. Eine von ihnen ist Vera Fraczewski. Sie kommt öfter ins Zentrum und engagiert sich im Verein "Frauenliebe im Pott". Ihr selbst war lange gar nicht klar, dass sie Frauen liebt. Erst spät, mit über 40 Jahren, hat sie sich geoutet. "Das war ein Fall wie aus 100 Metern", sagt Fraczewski heute. Sie hatte Glück: Ihr Umfeld stand ihr zur Seite. Viele andere hatten es schwerer.
Vera Fraczewski: So schwer war es für Lesben in den 80ern
00:33 Min.. Verfügbar bis 27.05.2027.
Nach dem erfolgreichen Auftakt soll das Frühstück jetzt regelmäßig stattfinden. Immer am ersten Samstag in geraden Monaten. Regelmäßig treffen sich queere Menschen in der Melanchthonkirche auch für Chorproben, zur Gesprächsgruppe oder zum Kaffeetreff.
Im Chor "Queerbeat" singen nur queere Menschen
Die Angebote werden von der Stadt finanziert. Bis Ende des Jahres sind sie gesichert. Auch für das nächste Jahr hofft Fingskes von der Aidshilfe, dass es weiter geht: "Viele brauchen auch diese 'Safe Spaces'. Wir müssen Vertrauen aufbauen, damit diese Leute zu uns kommen." Daneben gibt es auch einzelne Events im Zentrum 60plus in Essen-Holsterhausen: eine Buchlesung oder einen Abend rund um queere Bücher und Filme. Oder eine Tour durch die bunten Kneipen der Stadt.
Über dieses Thema haben wir auch am 17.04.2025 im WDR-Fernsehen berichtet: Lokalzeit Ruhr, 19.30 Uhr.