Patti Smith, eine Gesamtkünstlerin

Von Ingo Neumayer

Künstlerin und Aktivistin, Literatin und Sängerin, Punk-Ikone und feministisches Vorbild: Patti Smith hat in ihrem bewegten Leben schon viele Rollenzuschreibungen erlebt. Am 30. Dezember 2025 wird sie 79 Jahre alt.

Patti Smith

Raus aus der Provinz im Süden New Jerseys, rein ins gelobte Großstadtland namens New York: Der Weg, den Patricia Lee Smith 1967 einschlägt, ist fast logisch. Smith will Dichterin werden - sie ist fasziniert von Rimbaud und Baudelaire. Oder Bildhauerin, so wie Constantin Brancusi. Vielleicht auch Malerin oder Schauspielerin. Egal - Hauptsache Kunst.

Patti Smith mit Robert Mapplethorpe

Mit dem exaltierten Fotografen Robert Mapplethorpe findet sie schnell einen Verbündeten. Die beiden versuchen, in Andy Warhols "Factory" Fuß zu fassen, ziehen ins berühmt-berüchtigte Chelsea Hotel, wo sie Janis Joplin und Allen Ginsberg kennenlernen. 1971 erscheint "Seventh Heaven", der erste Gedichtband Smiths. Ein hartes, oft verstörendes Werk.

Patti Smith live 1978

Am 10. Februar 1971 tritt Smith das erste Mal mit dem Gitarristen Lenny Kaye auf. Es ist ein Literaturfestival zu Ehren von Bertolt Brechts Geburtstag. Sie trägt Gedichte vor, er spielt dazu. Die beiden finden Gefallen an der Zusammenarbeit und treten ab diesem Zeitpunkt unter dem Motto "Rockin' Rimbaud" auf.

Patti Smith live 1978

Nach und nach stoßen mehr Musiker dazu: erst Keyboarder Richard Sohl, dann Bassist Ivan Kral, schließlich Drummer Jay Dee Daugherty. Die Patti Smith Group entsteht und teilt sich in legendären Clubs wie dem CBGB's die Bühne mit den Ramones, Blondie oder Television. Bei einem der ersten Auftritte ist Bob Dylan im Publikum.

Patti Smith live 1979

Im Dezember 1975 erscheint das Patti-Smith-Debüt "Horses" - und sorgt direkt für Aufsehen. "Horses" gilt wegen seiner rohen, simplen Gitarrenakkorde als eines der ersten Punk-Alben, verarbeitet aber auch Beat-, Folk-, Rock-, Reggae- und sogar Jazz-Elemente. Der lyrische Gehalt der Texte und der Wechsel zwischen Gesang und Vortrag gehen unter die Haut.

Patti Smith mit signierter LP 2010

Auch das Cover der Platte ist legendär. Fotografiert von Robert Mapplethorpe, wird das Porträt wenig später in der Pop-Ahnenreihe neben "Sgt. Pepper" und der Stones-Zunge eingereiht. Das "Horses"-Cover wird als Statement eines neuen, selbstbewussten, freien Frauseins interpretiert, das die bis dato gültigen weiblichen Schönheitsklischees im Pop ad acta legt.

Patti Smith live 1978

Patti Smith wird zu einer Ikone des Undergrounds, gilt als Vorbild in Sachen Emanzipation und Feminismus, begeistert Punks genauso wie Studentinnen und Vernissage-Gänger. 1977 stürzt sie bei einem Konzert vier Meter tief in den Bühnengraben und bricht sich zwei Nackenwirbel. Die Zwangspause nutzt sie für die Lyrik: 1978 erscheint ihr Gedichtband "Babel".

Patti Smith, Plattencover von "Because the night", 1978

Doch auch musikalisch macht sie weiter auf sich aufmerksam. Bruce Springsteen, der 1978 im Studio nebenan aufnimmt, hat einen Song namens "Because The Night" geschrieben, der nicht in sein Konzept passt. Der gemeinsame Produzent Jimmy Iovine schlägt ihn Patti Smith vor. Die ändert einen Großteil des Textes und landet damit ihren ersten und einzigen Superhit.

Patti Smith 1978

Es folgen Tourneen und Auftritte rund um den Globus - und ein stetig wachsendes Gefühl der Bedeutungslosigkeit bei Patti Smith. Sie hat das Gefühl, als Künstlerin zu stagnieren und ist das Musikbusiness immer mehr Leid.

Patti Smith live 1979

Anfang der 80er macht Smith einen Schlussstrich und zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück. Sie heiratet den ehemaligen MC5-Gitarristen Fred "Sonic" Smith, zieht nach Detroit, bekommt zwei Kinder und widmet sich fast ausschließlich ihrer Familie.

Patti Smith live 1978

1988 erscheint zwar ein neues Album von Patti Smith, doch "Dream Of Life", bei dem Fred Smith den ursprünglichen Gitarristen Lenny Kaye ersetzt, fällt beim Publikum und bei der Kritik durch. Zu seicht, zu gefällig, zu bemüht wirkt das Album, auf dem Smith unter anderem ein Schlaflied für ihren Sohn ("The Jackson Song") veröffentlicht.

Patti Smith in Venedig, 2011

Smith macht sich weiter recht rar. Hier eine Gedicht-Anthologie mit frühen Werken, dort ein Song für den Wim-Wenders-Film "Bis ans Ende der Welt". Doch das ändert sich bald wieder. 1989 stirbt Robert Mapplethorpe an AIDS, 1990 Keyboarder Sohl, 1994 schließlich in kurzen Abständen ihr Mann und ihr Bruder. Freunde raten ihr, die Trauer mit Arbeit zu bekämpfen.

Patti Smith live in Glastonbury 2015

Das scheint zu funktionieren: Erst nimmt sie Bob Dylan ins Vorprogramm seiner Never-Ending-Tour, dann tritt sie mit Neil Young auf. 1996 verarbeitet sie ihre Verluste auf dem Traueralbum "Gone Again".

Patti Smith live in New York 2006

Patti Smith ist Mitte der 90er wieder zurück. 1996 geht sie zum ersten Mal seit Ende der 70er wieder auf Europatour. Sie nimmt einen Song mit R.E.M. auf, veröffentlicht regelmäßig eigene Lieder und Platten, hält Vorträge, liest Gedichte, engagiert sich. Mit Erfolg: Sie wird für den Grammy nominiert, später sogar in die Rock'n'Roll-Hall-of-Fame aufgenommen.

Patti Smith-Buch "Just Kids"

Auch im neuen Jahrtausend bleibt Patti Smith präsent und relevant - und das nicht nur mit ihrer Musik. 2010 erscheint "Just Kids", eine autobiografische Erinnerung an ihre Zeit mit Robert Mapplethorpe und die Versuche der beiden, ihr Leben als Künstler zu führen. "Just Kids" wird ein Bestseller und mit dem renommierten "National Book Award" ausgezeichnet.

Patti Smith singt bei der Literaturnobelpreisverleihung für Bob Dylan 2016

2016 erhält Bob Dylan den Literatur-Nobelpreis. Zur Verleihung erscheint er nicht, stattdessen tritt Patti Smith auf und singt den Dylan-Song "A Hard Rain's A-Gonna Fall". Ein würdiger Ersatz, denn ähnlich wie Dylan ist auch Patti Smith längst mehr als eine Musikerin: Sie ist Literatin, Dichterin, Aktivistin - eine Gesamtkünstlerin.

Patti Smith live 2025

2025 erscheint mit ein weiteres autobiografisches Buch von Patti Smith: "Bread of Angels". Parallel ist die 79-Jährige auf Instagram unterwegs, wo sie inzwischen 1,4 Millionen Follower hinter sich versammelt. Die älteren schwelgen in Erinnerungen. Die jüngeren sind schwer begeistert, als sich Patti Smith zuletzt beiläufig als Manga-Leserin und K-Pop-Fan outet.

Raus aus der Provinz im Süden New Jerseys, rein ins gelobte Großstadtland namens New York: Der Weg, den Patricia Lee Smith 1967 einschlägt, ist fast logisch. Smith will Dichterin werden - sie ist fasziniert von Rimbaud und Baudelaire. Oder Bildhauerin, so wie Constantin Brancusi. Vielleicht auch Malerin oder Schauspielerin. Egal - Hauptsache Kunst.

Mit dem exaltierten Fotografen Robert Mapplethorpe findet sie schnell einen Verbündeten. Die beiden versuchen, in Andy Warhols "Factory" Fuß zu fassen, ziehen ins berühmt-berüchtigte Chelsea Hotel, wo sie Janis Joplin und Allen Ginsberg kennenlernen. 1971 erscheint "Seventh Heaven", der erste Gedichtband Smiths. Ein hartes, oft verstörendes Werk.

Am 10. Februar 1971 tritt Smith das erste Mal mit dem Gitarristen Lenny Kaye auf. Es ist ein Literaturfestival zu Ehren von Bertolt Brechts Geburtstag. Sie trägt Gedichte vor, er spielt dazu. Die beiden finden Gefallen an der Zusammenarbeit und treten ab diesem Zeitpunkt unter dem Motto "Rockin' Rimbaud" auf.

Nach und nach stoßen mehr Musiker dazu: erst Keyboarder Richard Sohl, dann Bassist Ivan Kral, schließlich Drummer Jay Dee Daugherty. Die Patti Smith Group entsteht und teilt sich in legendären Clubs wie dem CBGB's die Bühne mit den Ramones, Blondie oder Television. Bei einem der ersten Auftritte ist Bob Dylan im Publikum.

Im Dezember 1975 erscheint das Patti-Smith-Debüt "Horses" - und sorgt direkt für Aufsehen. "Horses" gilt wegen seiner rohen, simplen Gitarrenakkorde als eines der ersten Punk-Alben, verarbeitet aber auch Beat-, Folk-, Rock-, Reggae- und sogar Jazz-Elemente. Der lyrische Gehalt der Texte und der Wechsel zwischen Gesang und Vortrag gehen unter die Haut.

Auch das Cover der Platte ist legendär. Fotografiert von Robert Mapplethorpe, wird das Porträt wenig später in der Pop-Ahnenreihe neben "Sgt. Pepper" und der Stones-Zunge eingereiht. Das "Horses"-Cover wird als Statement eines neuen, selbstbewussten, freien Frauseins interpretiert, das die bis dato gültigen weiblichen Schönheitsklischees im Pop ad acta legt.

Patti Smith wird zu einer Ikone des Undergrounds, gilt als Vorbild in Sachen Emanzipation und Feminismus, begeistert Punks genauso wie Studentinnen und Vernissage-Gänger. 1977 stürzt sie bei einem Konzert vier Meter tief in den Bühnengraben und bricht sich zwei Nackenwirbel. Die Zwangspause nutzt sie für die Lyrik: 1978 erscheint ihr Gedichtband "Babel".

Doch auch musikalisch macht sie weiter auf sich aufmerksam. Bruce Springsteen, der 1978 im Studio nebenan aufnimmt, hat einen Song namens "Because The Night" geschrieben, der nicht in sein Konzept passt. Der gemeinsame Produzent Jimmy Iovine schlägt ihn Patti Smith vor. Die ändert einen Großteil des Textes und landet damit ihren ersten und einzigen Superhit.

Es folgen Tourneen und Auftritte rund um den Globus - und ein stetig wachsendes Gefühl der Bedeutungslosigkeit bei Patti Smith. Sie hat das Gefühl, als Künstlerin zu stagnieren und ist das Musikbusiness immer mehr Leid.

Anfang der 80er macht Smith einen Schlussstrich und zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück. Sie heiratet den ehemaligen MC5-Gitarristen Fred "Sonic" Smith, zieht nach Detroit, bekommt zwei Kinder und widmet sich fast ausschließlich ihrer Familie.

1988 erscheint zwar ein neues Album von Patti Smith, doch "Dream Of Life", bei dem Fred Smith den ursprünglichen Gitarristen Lenny Kaye ersetzt, fällt beim Publikum und bei der Kritik durch. Zu seicht, zu gefällig, zu bemüht wirkt das Album, auf dem Smith unter anderem ein Schlaflied für ihren Sohn ("The Jackson Song") veröffentlicht.

Smith macht sich weiter recht rar. Hier eine Gedicht-Anthologie mit frühen Werken, dort ein Song für den Wim-Wenders-Film "Bis ans Ende der Welt". Doch das ändert sich bald wieder. 1989 stirbt Robert Mapplethorpe an AIDS, 1990 Keyboarder Sohl, 1994 schließlich in kurzen Abständen ihr Mann und ihr Bruder. Freunde raten ihr, die Trauer mit Arbeit zu bekämpfen.

Das scheint zu funktionieren: Erst nimmt sie Bob Dylan ins Vorprogramm seiner Never-Ending-Tour, dann tritt sie mit Neil Young auf. 1996 verarbeitet sie ihre Verluste auf dem Traueralbum "Gone Again".

Patti Smith ist Mitte der 90er wieder zurück. 1996 geht sie zum ersten Mal seit Ende der 70er wieder auf Europatour. Sie nimmt einen Song mit R.E.M. auf, veröffentlicht regelmäßig eigene Lieder und Platten, hält Vorträge, liest Gedichte, engagiert sich. Mit Erfolg: Sie wird für den Grammy nominiert, später sogar in die Rock'n'Roll-Hall-of-Fame aufgenommen.

Auch im neuen Jahrtausend bleibt Patti Smith präsent und relevant - und das nicht nur mit ihrer Musik. 2010 erscheint "Just Kids", eine autobiografische Erinnerung an ihre Zeit mit Robert Mapplethorpe und die Versuche der beiden, ihr Leben als Künstler zu führen. "Just Kids" wird ein Bestseller und mit dem renommierten "National Book Award" ausgezeichnet.

2016 erhält Bob Dylan den Literatur-Nobelpreis. Zur Verleihung erscheint er nicht, stattdessen tritt Patti Smith auf und singt den Dylan-Song "A Hard Rain's A-Gonna Fall". Ein würdiger Ersatz, denn ähnlich wie Dylan ist auch Patti Smith längst mehr als eine Musikerin: Sie ist Literatin, Dichterin, Aktivistin - eine Gesamtkünstlerin.

2025 erscheint mit ein weiteres autobiografisches Buch von Patti Smith: "Bread of Angels". Parallel ist die 79-Jährige auf Instagram unterwegs, wo sie inzwischen 1,4 Millionen Follower hinter sich versammelt. Die älteren schwelgen in Erinnerungen. Die jüngeren sind schwer begeistert, als sich Patti Smith zuletzt beiläufig als Manga-Leserin und K-Pop-Fan outet.

Stand: 23.12.2025, 15:24 Uhr