Mehrere Personen sitzen entspannt in Aikido-Anzügen auf dem Boden, offenbar vor Beginn ihres Trainings. Ihr Dojo aber ist keine Sporthalle, sondern erkennbar ein Kirchenraum mit buntem Glasfenster – die ehemalige Dreifaltigkeitskirche in Köln.
Aikido-Training in der ehemaligen Dreifaltigkeitskirche in Köln
Dieses Bild ziert den Leitfaden "Kirchenräume neu denken", herausgegeben von der Initiative Baukunst NRW. Denn die Kirchen haben seit Jahren weniger Zulauf, die Gemeinden werden kleiner und oft zusammengelegt, das Geld für Heizung und Instandhaltung der Räume fehlt. Längst hat nicht mehr jedes Dorf eine Kirche.
Leerstand in bis zur Hälfte der Kirchen
Aus dem Bistum Essen kommt die Prognose, dass 85 Prozent seiner Kirchen gegenüber dem Beginn des Jahrhunderts aufgegeben werden sollen – ein besonders krasses Beispiel, aber immerhin bis zu der Hälfte der Kirchen steht generell zur Disposition. Nordrhein-Westfalen ist auf besondere Art betroffen. Von den insgesamt rund 6000 Kirchen hier sind viele nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut worden, sie sind also vergleichsweise jüngere Kirchengebäude – und die sind besonders bedroht verglichen mit historischen Bauten, sagt Barbara Welzel. Sie ist Professorin für Kunstgeschichte und Kulturelle Bildung an der Technischen Universität Dortmund und Mitautorin des Leitfadens "Kirchenräume neu denken".
Kirchen als Versammlungsräume
Wenn Kirchen verschwinden, so Barbara Welzel im WDR, dann fehlten Landmarken und Versammlungsräume, in denen Menschen sich "ohne Konsum und ohne Zwang" treffen können. Mehr noch: Weil traditionell alle Dörfer in Europa eine Kirche haben, wären wir dann "keine europäische Kulturlandschaft mehr".
Hier setzt das Konzept von Baukultur NRW an und umreißt drei Möglichkeiten. Zum einen kann die Nutzung einer bestehenden Kirche erweitert werden. Die Gemeinde kann etwa mit Kultur- und Bildungseinrichtungen zusammenarbeiten und ihre Räume zur Verfügung stellen für Chorproben, für Musikschulen, für Jugendgruppen.
"Es ist das, was Europa verbindet, dass alle Dörfer eine Kirche haben, alle Orte eine Kirche haben." Kunsthistorikerin Barbara Welzel
Zweitens kann die Nutzung zu gesellschaftlichen Versammlungsorten geändert werden, wenn die Gemeinden die Kirchen abgeben. Barbara Welzel nennt beispielsweise einen Hofladen, ein Café, ein Kulturzentrum, ein Konzerthaus. Beide Wege stehen für eine öffentliche Verwendung der Räume. Die dritte Möglichkeit wäre eine gemeinwohlorientierte Nutzung, die nicht mehr öffentlich ist – etwa ein Kindergarten.
Kirchen als Vierte Orte
Baukultur NRW hat in diesem Zusammenhang den Begriff von "Kirchen als Vierte Orte" geprägt, nach Wohnen, Arbeiten und gemeinwohlorientierten Orten wie etwa Bürgerzentren. Der "Vierte Ort" meint eine neue Nutzung dritter Orte "plus Spiritualität" für alle Religionen beziehungsweise mit einer quasi "säkularen Spiritualität", so nennt Barbara Welzel das – also eben so wie ein Aikido-Dojo.
Eröffnung der Ausstellung "Kirchen als Vierte Orte", Düsseldorf, November 2025
In jedem Fall, so das Plädoyer der Kunsthistorikerin, sollte als erstes geschaut werden, wie sich Kirchen weiter öffentlich nutzen lassen. Das hieße auch als "Versammlungsorte der Demokratie".
Gemeinden brauchen Unterstützung
Die Gemeinden seien jedenfalls heilfroh, wenn sie Unterstützung bekämen, um ein Kirchengebäude zu erhalten – als "Anker in der Geschichte, auch als Anker im Ort". Bisher fühlten sich viele damit alleingelassen und völlig überfordert. "Und da ist man froh", so Barbara Welzel, "über jedes Angebot, gemeinsam Initiativen wirklich voranzutreiben und Ideen zu entwickeln."
In einer früheren Fassung dieses Artikels fehlte zur zitierten Prognose, "dass das Bistum Essen 85 Prozent seiner Kirchen aufgeben will" der Bezugszeitraum "gegenüber dem Beginn des Jahrhunderts". Diesen haben wir nachträglich zugefügt.
Unsere Quellen:
- Interview mit Kunsthistorikerin Barbara Welzel
- Webseite von "Baukultur Nordrhein-Westfalen e.V."
- Publikation "Kirchenräume neu denken" von Baukultur NRW
Sendung: WDR 3 Mosaik, 26.05.2026, 06.04 Uhr