Schreiben ist für Myra Abel aus Hellenthal der Schlüssel im Umgang mit ihrer Angststörung.
WDR. 03:12 Min.. Verfügbar bis 15.06.2028.
Behutsam öffnet Myra Abel das braune, schuhkartongroße Paket. Darin liegen vier Bücher. Ein Roman und drei Gedichtbände, um genau zu sein. Die Autorin: River. Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich Myra Abel.
Drei Gedichtbände und ein Roman von Myra "River" Abel
Ein breites Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht, als sie die Bücher auf den Tisch legt. Vor einer Woche ist das Paket mit den Probedrucken bei ihr zu Hause in Hellenthal angekommen. Und noch immer kann die 24-Jährige es nicht fassen, dass sie nach sechs Jahren Arbeit tatsächlich ihre eigenen Bücher in den Händen hält. "Das ist total krass und auch irgendwie surreal. Ich bin echt stolz, dass ich das geschafft habe."
Eine Angststörung kann jeden treffen
2019 ist sie davon unendlich weit entfernt. Damals sitzt sie in einer Abiturprüfung und bekommt plötzlich eine Panikattacke. Ihr Zustand verschlechtert sich danach mit jedem Tag. Die junge Frau hat Angst, das Haus zu verlassen, grübelt, sieht keinen Sinn mehr in ihrem Leben. "Ich wusste einfach überhaupt nicht mehr, was abgeht in meinem Kopf.", erzählt sie.
"Ich weiß noch, dass meine Mutter mich damals gefragt hat: Aber du willst schon noch leben, oder? Und dass ich darauf keine Antwort hatte." Myra "River" Abel, Buchautorin
Abel braucht Monate, bis sie einen Therapieplatz bekommt. Schließlich wird bei ihr unter anderem eine generalisierte Angststörung diagnostiziert. Betroffene leben in ständiger Anspannung und Furcht, begleitet von Herzrasen, Zittern und Schwindel.
Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V., kurz DGPPN, zählen Angststörungen bundesweit zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Rund fünf Prozent waren 2024 NRW-weit davon betroffen, das entspricht über 900.000 Menschen, die meisten von ihnen Frauen. Das hat das wissenschaftliche Institut der AOK in seinem "Gesundheitsatlas Deutschland" ermittelt.
Im Roman verarbeitet sie auch ihre eigene Geschichte
Heute weiß Abel, dass sie mit der Erkrankung nicht allein ist. Aber damals fühlt sie sich völlig hilflos, zieht sich immer mehr zurück. Nur eins gibt ihrem Leben damals Sinn: das Schreiben. "Dann ist der Kopf einfach aus. Ich muss nicht nachdenken, und es ist eigentlich auch egal, was ich schreibe. Ich komme damit immer wieder in ein Gespräch mit mir selbst und dadurch lerne ich mich auch besser kennen."
"Als es mir schlecht ging, war Schreiben das Einzige, von dem ich dachte, dafür lohnt es sich, weiter zu machen." Myra "River" Abel, Buchautorin
Myra Abel liest in einem ihrer Gedichtbände
Ihre Erkrankung fließt auch in ihre Bücher ein. So handelt der Roman von einer jungen Frau, deren Bruder sich das Leben nimmt. Abel hat ihn auf Englisch geschrieben, "um die Distanz zu meiner eigenen Geschichte zu wahren.", sagt sie. Es sei kein Mutmachbuch. "Aber vielleicht hilft es dem einen oder anderen, zu erkennen, dass er nicht allein ist mit seiner Erkrankung. Das war auch bei mir der erste wichtige Schritt."
Lust auf das, was kommt
Dass Schreiben durchaus eine positive Wirkung haben kann, bestätigt auch die Psychotherapeutin Melanie Schmidt. In ihrer Praxis in Köln bestärkt sie ihre Patienten darin, Gedanken und Gefühle aufzuschreiben, um sich selbst besser zu verstehen. "Ich schlage ihnen zum Beispiel vor, einen Brief an sich selbst oder die Eltern zu schreiben. Auch wenn diese Briefe oftmals nicht abgeschickt werden, kann die Beschäftigung damit heilsam sein."
Am Ende ist es die Kombination aus Therapie und Schreiben, die Abel hilft, gesund zu werden. Sie hat einen eigenen Verlag gegründet und einen Onlineshop eingerichtet, um ihre Bücher zu verkaufen. Die 24-Jährige wohnt zu Hause, ihre Eltern unterstützen sie, auch finanziell, damit sie all das schafft. "Ich merke, ich bin sicher und kann viel leisten, auch Stress aushalten. Das ist wichtig, dass ich diese Erfahrung gerade mache." Irgendwann vom Schreiben leben zu können - das ist ihr Ziel. Und das gibt ihr Kraft und neuen Lebensmut.
Hinweis: Wenn Sie sich in einer akuten psychischen Krise befinden, wenden Sie sich bitte an die nächste psychiatrische Klinik oder den Notruf unter 112. Hilfe bietet auch die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.
Unsere Quellen:
- Gespräch mit Buchautorin Myra Abel
- Gespräch mit Psychotherapeutin Melanie Schmidt
- Eindrücke der Reporterin vor Ort
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit aus Aachen, 15.06.2026, 19:30 Uhr
