Lebt halb NRW in Holland? | WDR aktuell

WDR 02:01 Min. Verfügbar bis 24.05.2028

Campen an Pfingsten Deutsche lieben die niederländische Freiheit

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Pfingsturlaub in Holland: Viele Campingplätze im Achterhoek sind mit deutschen Gästen ausgebucht. Was sie in die Niederlande zieht.

Von Torben Wiedenhaupt

Der Wind rauscht durch die Bäume, eine Campingtür fällt ins Schloss, erster Grillgeruch liegt in der Luft - noch vor Mittag. Zu Pfingsten füllt sich das Achterhoek, die Grenzregion zwischen NRW und den Niederlanden. Stellplätze, Radwege und Innenstädte sind belebt. Trotzdem oder gerade deshalb kommen deutsche Touristen immer wieder gerne.

Schick anziehen muss sich hier keiner

Morgens um zehn Uhr ist die Welt im Recreatiepark Capfun Het Winkel im Südosten Winterswijks noch vollkommen in Ordnung. Sabine, Thomas und Erk sitzen vor ihren gut ausgerüsteten Wohnwagen in modernen Campingstühlen, die sich mit kleinen Hydraulikvorrichtungen sanft wippen lassen. Ihre Hündin Pfeilchen liegt im Gras und hat die wenigen Nachbarn fest im Blick. Rechts und links klaffen noch große, freie Lücken auf dem Areal. Das wird sich wohl schnell ändern.

Alle drei kommen aus Wunstorf bei Hannover. Seit Himmelfahrt sind sie schon hier, das Pfingstwochenende nehmen sie noch mit: elf Tage insgesamt, rund 600 bis 700 Euro - inklusive Strom, WLAN und Sanitäranlagen. Rund 45 bis 50 Euro pro Nacht.

"Brötchen kann man auch vorbestellen, aber die kommen erst um neun, und das ist für uns Frühaufsteher schon zu spät." Sabine, Camperin aus Niedersachsen

Obwohl das Steinhuder Meer nahe liegt, fahren sie immer wieder in die Niederlande - wegen Natur und eines gut sortierten Camping‑Fachgeschäfts in der Nähe. Das "Camping‑Virus" haben sie seit Kindheitstagen. "Hier habe ich Freiheit, hier kann ich ich sein und muss mich nicht schick anziehen", sagt Sabine. Plus: Im Notfall ist Deutschland schnell erreichbar.

Das zehnte Mal - und es fühlt sich an wie zuhause

Camping Vreehorst im Südwesten von Winterswijk zählt mit 250 Stellplätzen und Chalets zu den größeren Anlagen. Im letzten Jahr gab es rund 122.000 Übernachtungen, zu Pfingsten ist alles ausgebucht. Auffällig zu diesem Zeitpunkt: Alle Fahrzeuge, die hinein und hinaus fahren haben ausschließlich deutsche Kennzeichen.

Camper Uwe und Annette aus Bochum beim ersten Kaffee des Tages

Camper Uwe und Annette aus Bochum beim ersten Kaffee des Tages

So ist es auch bei Uwe und Annette aus Bochum, die zum zehnten Mal hier sind. Sie entdeckten Camping schon in ihrer DDR-Kindheit in Leipzig. Ihr Wohnwagen steht seit Montag, die Kinder reisen nach Schulschluss nach. Vor dem Wagen trocknet der letzte Tau vom Gras und die Wäsche, die nach den regnerischen Tagen endlich wieder draußen trocken kann - daneben stehen Blumen und der erste Kaffee des Tages bereit.

"Wir hatten schon Plätze, wo man den Nachbarn schnarchen gehört hat." Uwe, Camper aus Bochum

Hier ist es anders: viel Platz, eigene Spielbereiche und eine fast nachbarschaftliche Atmosphäre. "Man kann die Kinder laufen lassen, jeder passt auf", sagt Uwe. Für rund 50 Euro pro Nacht gibt es Schwimmhalle, Freibad und Pumptrack - anders als zum Beispiel in Kroatien, wo man für Spielplätze extra Geld zahlen müsse und Schimmel in den Sanitäranlagen sei.

Gestiegene Preise nimmt Uwe hin: Durch Corona und den Ukrainekrieg wurden Campingurlaube um 20 bis 25 Prozent teurer. Auch der Sprit ist teuer - rund 2,60 Euro pro Liter rund um Winterswijk. Da hofft man, dass der Tank für die Heimfahrt noch reicht.

Nachbar Winfried und seine Frau aus Xanten schätzen ebenfalls die Weitläufigkeit der Anlage. In Deutschland sei das alles viel enger, aber hier nicht, sagt der Niederrheiner. Vor wenigen Wochen bekam er noch einen der letzten Stellplätze - meist braucht man Monate Vorlauf für Pfingsten. Der Plan für die kommenden Tage: Fahrrad fahren und das Achterhoek in Ruhe erkunden.

"Manchmal fährst du eine halbe Stunde durchs Grün und niemand kommt dir entgegen. Kein Auto, kein Fahrrad, kein Mensch. Das ist schon erstaunlich." Winfried, Camper aus Xanten

Frischer Fisch und 100 Jahre alte Holzschuhe

Es ist halb zwölf auf dem Camping Klompenmakerij Ten Hagen im Norden von Winterswijk, und der erste Grillrauch steigt auf. Zwei Camper aus Gelsenkirchen legen ihren frisch gefangenen Fisch auf den Rost - geangelt im See nebenan, die Ruten lehnen noch am Wohnwagen.

Im Campingpark Klompenmakerij ten Hagen werden die traditionellen Klompen gefertigt

Im Campingpark Klompenmakerij ten Hagen werden die traditionellen Klompen gefertigt

Der kleine Platz mit 34 Jahres- und 53 Ferienstellplätzen hat eine Besonderheit: Nebenan wird jeden Samstag gezeigt, wie die landestypischen Holzschuhe gefertigt werden. In der Werkstatt entstehen die für den Park namensgebenden "Klompen" seit über 100 Jahren in vierter Generation hergestellt. Der Inhaber Herman ten Hagen trägt sie selbst - wuchtig und unverkennbar.

Auch hier ist Pfingsten alles ausgebucht. Wer einen Stellplatz für die Feiertage will, muss meist ein Jahr im Voraus reservieren. Zu Jahresbeginn gibt es oft nur noch die Möglichkeit, einzelne freie Termine zu ergattern. Auffällig ist auch hier die Gästestruktur: Inzwischen reisen viel mehr Deutsche als Niederländer an. Früher sei das Verhältnis noch etwa ausgeglichen gewesen, sagt Betreiberin Greta ten Hagen etwas ernüchtert.

Reporter Pierre Dyckmans berichtet aus Renesse, Niederlande

Aktuelle Stunde 24.05.2026 29:18 Min. Verfügbar bis 24.05.2028 WDR

Radfahren, Frittenbude und die große Entschleunigung

Winterswijk ist eine kleine, ruhige Stadt ohne Großstadttrubel. Die Region Achterhoek bietet lange Radwege durch Wälder, Felder und entlang kleiner Seen. Viele der rund 70 Campingplätze haben Angebote wie Angeln, Schwimmen oder Minigolf. In der Nähe liegen Orte wie Aalten oder Lichtenvoorde, die allesamt gut verbunden sind.

Nach einem Radtag empfiehlt sich der Klassiker: Pommes mit Frikandel und Mayo. Der Snack kostet etwa zehn Euro, ist aber typisch und sättigend. Ein Bier in der Kneipe gibt es meist ab vier bis fünf Euro.

Das Wichtigste in Kürze

  • Campinggäste: ca. 5,2 Mio. (2023)
  • Übernachtungen: über 28 Mio. (2023)
  • Ausländische Gäste: ca. 1,7 Mio. (davon 1,3 Mio. aus Deutschland)
  • Mehrwertsteuer: seit 1.1.26 von 9% auf 21% für Unterkünfte
  • Ausnahme: Camping‑Stellplätze oft weiter 9%

Viele bleiben stattdessen lieber auf dem Campingplatz. Alles wird selbst mitgebracht: Kühlbox, Grill, Stühle, Lichterketten oder Pflanzen. Statt teurem Restaurantbesuch wird selbst gekocht und gebacken. Das sorgt für echtes Urlaubsgefühl für die ganze Familie - und das nur etwa eine bis zwei Stunden von zuhause entfernt.

Deutsche zieht es über Pfingsten in die Niederlande

WDR 22.05.2026 00:58 Min. Verfügbar bis 22.05.2028 WDR Online

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Unsere Quellen:

  • Beobachtungen und Interviews des WDR-Reporters vor Ort
  • CBS (Statistics Netherlands)
  • Länderdaten.info
  • NeD Tax

Sendung: WDR.de: "Deutsche Camper lieben die holländische Freiheit", 22.05.2026, 05:05 Uhr
Erstveröffentlichung am 22.05.2026
Sendung:
WDR Fernsehen, WDR aktuell, 24.05.2026, 12.15 Uhr

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