Vom Schweigen zur Stärke: Oberhausenerin bricht das Tabu häuslicher Gewalt

Stand:

Zu Hause ging sie durch die Hölle. Emotionale und physische Gewalt gehörten zum Alltag. Heute soll ihre Geschichte anderen helfen. Wie Laura Rak die Spirale häuslicher Gewalt durchbrechen konnte und warum sie ihre Geschichte in einem Podcast teilt.

Von
Yunus Gündüz
und (Text) und Solveig Bader (Multimedia)

Laura Rak holt sich ein Glas Wasser und setzt sich an einen Tisch, auf dem ein bunter Blumenstrauß steht. Die 24-Jährige will anonym bleiben und hat eigentlich einen anderen Nachnamen. Doch ihr ist es wichtig, ihre Geschichte zu erzählen. Alles beginnt in ihrer Kindheit. Monatelang wird sie zur Strafe von ihrem Stiefvater ignoriert. Er kontrolliert sie, schränkt sie zunehmend ein. Ihre Mutter hilft ihr nicht, sondern schiebt die Verantwortung teilweise ihrer Tochter zu. Von Geborgenheit ist in dem Elternhaus keine Spur. Die Stimmung ist stets angespannt, erdrückend.

Fälle häuslicher Gewalt steigen

Als Rak 12 Jahre alt ist, zieht die Familie von Polen nach Deutschland. Hier wird es nur noch schlimmer. "Größtenteils war es psychische, emotionale Gewalt", sagt Rak. Irgendwann eskaliert die Situation zu Hause. Der Stiefvater würgt und schlägt Rak. Als sie 19 Jahre alt ist, verlässt sie ihre Familie und flüchtet in ein Frauenhaus in Oberhausen.

Im Frauenhaus fand Laura Rak Unterstützung für einen Neustart

00:20 Min. Verfügbar bis 26.06.2027

Was Rak erlebt hat, steht exemplarisch für viele Frauen in Nordrhein-Westfalen. Allein im Jahr 2023 registrierte die Polizei in NRW über 60.000 Fälle häuslicher Gewalt, ein Anstieg um knapp drei Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Dabei werden seit Jahren mehr Fälle verzeichnet: Bereits 2022 stieg die Zahl um knapp 10 Prozent und 2021 um knapp 6 Prozent im Vergleich zu den jeweiligen Vorjahren. Fast drei Viertel der Betroffenen sind Frauen. Laut den Ergebnissen einer Befragung des LKA von 2020 könnte die Dunkelziffer bedeutend höher ausfallen. Denn gerade Fälle von Gewalt in Partnerschaften, psychischer Gewalt sowie sexueller Gewalt werden seltener angezeigt als andere Delikte.

  • Tabu-Thema häusliche Gewalt: Verein in Köln hilft betroffenen Männern

Unabhängig davon, ob es zur Anzeige kommt oder nicht, kann die Scham dafür sorgen, dass Betroffene sich keine Hilfe suchen. Laura Rak gehört zu denen, die sich trauten. Sie lebte erst kurz bei einer Freundin, dann wandte sie sich an das Frauenhaus. Dort erfuhr sie zum ersten Mal Sicherheit und blieb ein halbes Jahr. Im Frauenhaus Oberhausen finden 17 Frauen - teils mit Kindern - Schutz. Leiterin Suna Tanış weiß, dass häusliche Gewalt oft nicht plötzlich beginnt. Täter manipulieren ihre Opfer dermaßen, dass vielen der Mut fehlt, sich aus der Situation zu befreien.

Frauenhausleiterin Suna Tanış erklärt, wie Täter Gewaltopfer manipulieren

00:23 Min. Verfügbar bis 26.06.2027

Dabei kommen laut Tanış die Täter aus allen Gesellschaftsschichten. Immer wieder enden solche Gewaltsituationen tödlich. 2023 wurden in NRW 63 Menschen im Kontext von häuslicher Gewalt getötet, 45 waren Frauen. Die Polizei unterscheidet bei häuslicher Gewalt zwischen zwei Tatfeldern. Raks Fall fällt unter die Kategorie von innerfamiliärer Gewalt. Außerdem gibt es noch Partnerschaftsgewalt. Laut polizeilicher Kriminalstatistik 2023 macht sie rund 63 Prozent der Fälle aus.

Vom Mutmachen und Aufklären

Raks Fall soll auch Gegenstand eines Podcasts werden, den das Frauenhaus Oberhausen demnächst veröffentlichen will. Damit geht das Frauenhaus neue Wege. "Wir wollen sehr viele Menschen damit erreichen. Menschen, die informiert werden wollen, aber auch Menschen, die informiert werden sollen", begründet Tanış. Dabei gehe es auch darum zu zeigen, wie häusliche Gewalt erkannt wird und was man dagegen tun kann.

Laura Rak hofft, Betroffenen mit ihrer Geschichte zu helfen

00:13 Min. Verfügbar bis 26.06.2027

So wollen Laura Rak und Suna Tanış dafür sorgen, dass das Thema häusliche Gewalt weiter in die Mitte der Gesellschaft gerückt wird. Sie wollen den Opfern die Scham nehmen und anderen Mut machen, sich Hilfe zu suchen. "Ich will nicht lügen, es ist nicht leicht. Aber ich würde mich immer wieder genau so entscheiden", sagt Rak bestimmt.

Über dieses Thema haben wir auch am 06.05.2025 im WDR-Fernsehen berichtet: Lokalzeit Ruhr, 19.30 Uhr.

Mehr zum Thema Gewalt in Beziehungen und Prävention: