MONITOR vom 22.05.2025 : Tod in Gaza: Ausgehungert und vertrieben
Israels Regierung nimmt kein Blatt mehr vor den Mund: Der Gaza-Streifen soll besetzt, die palästinensische Bevölkerung vertrieben werden. Die Bodenoffensive hat begonnen. Täglich sterben Zivilisten durch die Angriffe. Auch in Israel warnen Experten vor einem Genozid. Die Kritik aus Deutschland bleibt dagegen verhalten, Bundeskanzler Merz hält an seinem Vorhaben fest, Israels Ministerpräsident Netanjahu nach Deutschland einzuladen. MONITOR zeigt am Schicksal einer getöteten Fotografin, was der Krieg für die palästinensische Zivilbevölkerung bedeutet.
Von Tobias Dammers, Andreas Maus, Lisa Seemann
Dialogbox
Kommentieren [21]Georg Restle: "Ein Regierungsbesuch von Benjamin Netanjahu in Deutschland? Das wäre ein klarer Bruch des Völkerrechts. Schließlich gibt es da einen Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs gegen den israelischen Ministerpräsidenten wegen des Verdachts auf Kriegsverbrechen. Andere Kritiker – auch aus Israel – sprechen schon längst von Genozid. Ganz gleich, wie man sich dazu verhalten mag, für die Zivilbevölkerung im Gaza-Streifen ist dieser Krieg das blanke Grauen. Allein letzte Nacht gab es wieder 50 Tote. Opfer eines Krieges, über deren Biografien wir meist wenig erfahren; nur manchmal gibt es eine Ausnahme. Wie diese Frau, eine Fotografin, über die auf den Filmfestspielen in Cannes gerade ein Film gezeigt wurde. Eine Premiere, zu der Fatma Hassouna gerne gekommen wäre, doch dann schlug eine israelische Rakete in ihre Wohnung ein. Andreas Maus, Tobias Dammers und Lisa Seemann."
Eine junge Fotografin in Gaza. Unterwegs mit ihrer Kamera sucht Fatma Hassouna inmitten der Zerstörung nach so etwas wie Alltag.
Fatma Hassouna (Übersetzung MONITOR): "Es gibt viele Möglichkeiten zu sterben hier in Gaza."
Sie schaut überall hin, fotografiert den Jubel der Hamas-Kämpfer und den Schmerz der Menschen.
Fatma Hassouna (Übersetzung MONITOR): "Du stirbst durch Bomben, durch Angst, durch Hunger."
Früher fotografierte Fatma das Glück: Hochzeiten, Feste. Tausende folgen der 25-Jährigen auf Instagram. Doch mit Kriegsbeginn ändern sich die Bilder auch hier. Wir wollen mehr über Fatma erfahren – und fahren nach Paris zu Sepideh Farsi. Die Regisseurin hat einen Dokumentarfilm über Fatma und ihre Bilder gemacht. Der Film ist kein typischer Film, er lebt von Fatmas Fotos und vielen langen Video-Gesprächen.
Sepideh Farsi: "Da waren schöne Sachen, sanft, ganz sanft und auch ganz harte Sachen zusammen, also in ihrer Arbeit, und das war faszinierend. Also sie war sehr – wie sagt man – reif als Fotografin, auch sehr jung."
Mitte Mai hatte der Film Premiere in Cannes. Fatma wäre gerne zur Premiere gekommen. Doch dann die Nacht vom 16. April in Gaza. Sie verändert alles: Bei einem israelischen Raketenangriff werden elf Menschen getötet. Darunter Fatma Hassouna. Ihr Tod sorgt auch international für Schlagzeilen. Doch was ist genau passiert am 16. April, als Fatma getötet wurde? Wir gehen auf Spurensuche. Das Haus der Familie steht im Norden des Gaza-Streifens, in Gaza-City. Als ausländische Journalisten werden wir hier nicht reingelassen. Ein lokales Team kann für uns drehen. Weite Teile des Viertels sind zerstört. In dem hinteren Eckhaus auf der rechten Straßenseite hat Fatma gewohnt. Zwei Raketen trafen die Wohnung von Fatmas Familie im zweiten Stock. Die oberen Stockwerke sind nahezu unbeschädigt. Ein gezielter Angriff also? Fatmas Cousin Yahya und ein Nachbar haben oben im Haus den Angriff überlebt. Sie zeigen, in welchem Raum Fatma gelebt hat. In den Trümmern finden sie noch eines ihrer Armbänder.
Yahya (Übersetzung MONITOR): "Wir haben geschlafen und plötzlich haben wir das Geräusch von einschlagenden Raketen gehört, ohne Vorwarnung. Hier sieht man, wie groß die Zerstörung ist. Dort ist das Zimmer meiner Cousine Fatma, möge Gott ihr gnädig sein. Dann sind wir die Treppe runtergegangen und haben ihre Leichen hier und bei den Nachbarn auf dem Boden gefunden."
Fatma und sechs Familienmitglieder sterben bei dem Angriff. Darunter ihr zehnjähriger Bruder und zwei Schwestern. Einige Tage später erliegt auch ihr Vater seinen Verletzungen. Wir recherchieren im Netz und stoßen auf eine allgemeine Warnung des israelischen Militärs – gepostet fünf Tage vorher und gleich für mehrere Stadtviertel. Ein Evakuierungsbefehl, wie er schon für weite Teile von Gaza gilt – in der Regel unbefristet. Aber warum dieser Angriff? Auf genau diese Wohnung? Wir fragen das israelische Militär. Das schreibt uns "ein Hamas-Terrorist" sei das Ziel gewesen. Ein Hamas-Terrorist? Wir versuchen herauszufinden, ob er unter den Getöteten gewesen ist. Wir sprechen mit Anwohnern und Fatmas Kollegen, recherchieren in Todesanzeigen auf Facebook, fragen einen Kriegs-Chronisten aus dem Viertel. Kein Hinweis auf einen Hamas-Kämpfer unter den Opfern. Aber eine definitive Antwort finden wir nicht – wie so oft in diesem Krieg. Ein Krieg, der mit dem mörderischen Hamas-Terror-Überfall auf Israel am 7. Oktober begann. Einmal sagte Fatma darüber, sie hätten der Welt gezeigt, dass sie für ihr Land kämpfen können. Sie sprach von Widerstand. Aber nirgendwo solidarisiert sich Fatma mit der Hamas. Im Gegenteil, Menschen, die sie kannten, versichern: sie gehörte nicht zur Terrorgruppe. Und die anderen getöteten Familienmitglieder?
Sepideh Farsi: "Eine Schwester, also Alaa war schwanger, sie war Malerin. Fatime war Fotografin. Walaa kannte ich nicht, die andere Schwester, die Bruder alle kannte ich, also Mohammed, Muhannad und Yazan, 10 Jahre alt, das Kind. Wer war diese Hamas member?
Wir fragen noch einmal nach beim israelischen Militär? Wer war der Hamas-Terrorist? Jemand aus der Familie? Fatma selbst? Doch die Antwort auf all unsere Fragen: "Kein weiterer Kommentar." Ein übliches Muster, findet Eitan Diamond. Der israelische Völkerrechtler hält Israels Erklärungen nach solchen Angriffen oft für vorgeschoben.
Eitan Diamond, Völkerrechtsexperte, Diakonia International Humanitarian Law Centre (Übersetzung MONITOR): "Es wird immer schwieriger zu akzeptieren, dass all die zehntausenden getöteten Zivilisten nur die unbeabsichtigte Folge eines Angriffs auf ein legitimes, militärisches Ziel waren. Es scheint eher eine Art automatische Rechtfertigung zu sein. Und es gibt Gründe, diesen automatischen Rechtfertigungen zu misstrauen. Und zumindest gibt es Anlass zur Besorgnis, dass es eine erschreckende Gleichgültigkeit gegenüber dem Tod von Zivilisten gab. Eine unerhörte, ich möchte hinzufügen, sogar kriminelle Gleichgültigkeit gegenüber dem Tod von Zivilisten."
Von Zivilisten wie Fatma. Und dabei sei diese – so erzählt die Regisseurin – zuletzt noch so voller Hoffnung gewesen.
Sepideh Farsi (Übersetzung MONITOR): "Einen Tag vor ihrem Tod haben wir telefoniert – das letzte Mal – und sie sagte, alles kommt und alles hat ein Ende in dieser Welt, auch dieser Krieg wird beenden und wir werden den Gaza wieder bauen. Diese Hoffnung war etwas sehr stark und sehr, sehr schön in Fatime."
Fatmas Hoffnung ist erloschen. Hoffnung auf Frieden in Gaza. Doch davon ist man hier weit entfernt. Israels Regierung eskaliert den Krieg; eine neue Militär-Offensive. Täglich sterben Dutzende Zivilisten, Angriffe auf Krankenhäuser. Nach internationalen Protesten lässt die israelische Regierung jetzt spärlich Lebensmittel in den Gaza-Streifen. Und macht inzwischen keinen Hehl mehr aus ihren Zielen: die militärische Besetzung des Gaza-Streifens und die Vertreibung der Menschen von dort.
Bezalel Smotrich, Israelischer Finanzminister (05.05.2025) (Übersetzung MONITOR): "Wir werden den Gaza-Streifen endlich erobern. Wir haben keine Angst mehr vor dem Wort Besatzung. Wir besetzen Gaza, räumen es und übernehmen Kontrolle in allen Gebieten."
Besetzen? Räumen? Die Befehle dafür sind erteilt: Und täglich rückt die israelische Armee weiter vor. Neben einer Pufferzone an der Grenze zu Israel werden immer mehr Gebiete ausgerufen, die die Menschen verlassen müssen. Inzwischen sind über 70 Prozent des Gazastreifens Sperrzone. Der israelische Völkerrechtler Eitan Diamond sieht in diesem systematischen Vorgehen Hinweise auf einen Völkermord in Gaza.
Eitan Diamond, Völkerrechtsexperte, Diakonia International Humanitarian Law Centre (Übersetzung MONITOR): "Was jetzt geschieht, scheint in diese Kategorie zu fallen. Es werden absichtlich Bedingungen geschaffen, unter denen die Menschen ihre Grundbedürfnisse nicht decken können, um zu überleben. Und das scheint in eine dieser Kategorien von völkermörderischen Handlungen zu fallen."
Vorwürfe aus Israel. Wie aber steht die neue Bundesregierung zum Krieg in Gaza? Bundeskanzler Friedrich Merz hat Israels Regierung aufgefordert, Hilfe in den Gaza-Streifen zu lassen und sich an ihre völkerrechtlichen Verpflichtungen zu halten. Gleichzeitig hält er aber an seiner Einladung an Israels Ministerpräsidenten Netanjahu fest.
Friedrich Merz, CDU, Bundeskanzler (14.05.2025): "Dieser Ministerpräsident muss grundsätzlich nach Deutschland reisen können. Wie wir das ermöglichen – wenn es denn geplant werden sollte – darüber werden wir Sie dann rechtzeitig auch informieren."
Eine erstaunliche Aussage. Käme es so, dann wäre das ein klarer Bruch des Völkerrechts, denn bereits im vergangenen November hat der Internationale Strafgerichtshof Haftbefehle erlassen; gegen Benjamin Netanjahu und dessen ehemaligen Verteidigungsminister. Wegen möglicher Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Theodor Meron ist ein Überlebender des Holocausts. Er hat den Internationalen Strafgerichtshof bei den Haftbefehlen gegen Netanyahu und andere Beteiligte beraten. Er ist eine Völkerstrafrechts-Instanz – vor allem durch seine Rolle in mehreren Kriegs-Tribunalen. Das Statement des heutigen Bundeskanzlers zu Netanyahu hat ihn sehr überrascht.
Theodor Meron, Sonderberater für humanitäres Völkerrecht am Internationalen Strafgerichtshof (Übersetzung MONITOR): "Ich bin der Meinung, dass wir alle – vor allem aber die einflussreichen Personen wie der Bundeskanzler und andere Staatsoberhäupter – den Internationalen Strafgerichtshof unterstützen sollten. Und wenn Herr Merz Herrn Netanjahu in Deutschland nicht verhaften möchte, dann er kann ihn einfach bitten, nicht zu kommen."
Die Fotos von Fatma Hassouna werden den Krieg überdauern. Und auch an die Geschichte einer jungen Fotografin erinnern, die trotz allen Leids so voller Hoffnung war.
Georg Restle: "Heute hat der israelische Außenminister die Kritik europäischer Staaten mitverantwortlich gemacht für den Mord an zwei Mitarbeitern der israelischen Botschaft in Washington. Eine erstaunliche Deutung; als hätte die wachsende Wut auf Israels Regierung nichts mit diesem Krieg selbst zu tun, den Israels Armee mit ungebremster Brutalität weiter führt."
Stand: 23.05.2025, 14:00 Uhr
21 Kommentare
Kommentar 21: Sonja Kies schreibt am 22.05.2025, 23:07 Uhr :
Guten Abend, ich bedanke mich sehr für die heutige Sendung! Tod in Gaza: Ausgehungert und vertrieben, MONITOR vom 22.05.2025 - Sendungen - Monitor - Das Erste Zudem bitte ich sie, sich von der neuen Regierung nicht unter Druck setzen zu lassen. Es ist unerträglich, wie die Leitmedien berichten: geschichtsvergessen, teilweise verfälschend und regierungstreu. Besonders deutlich wird dies bei den Themen Russland/Ukraine, Waffenlieferungen, Aufrüstung und Kriegstreiberei. Viele Grüße, Sonja Kies
Kommentar 20: Juliane Becker schreibt am 22.05.2025, 22:20 Uhr :
Vielen Dank für die Geschichte von Fatima Hadouna. Dieses Schicksal berührt und schockiert mich ungeheuer. Sie schaffen es, der Ohnmacht Worte und Bilder zu geben - eben auch in anderen Beiträgen. Vielen Dank für Ihre großartige journalistische Arbeit ♥️ Mit freundlichen Grüßen, Juliane Becker
Kommentar 19: David schreibt am 22.05.2025, 19:40 Uhr :
Ein Völkermord an Palästinensischen Menschen und Ethnische "Säuberungen" werden bewusst von der Israelischen Regierung betrieben und die BRD Regierung unterstützt dies durch Waffen und Steuergeld? Die BRD Regierungsparteien aus CDU und SPD scheinen nicht willig die Grausamkeiten des Israelischen Militärs an Zivilisten zu verurteilen so wie es andere Länder wie z. B. Frankreich, Süd Afrika usw. tun. Wer Krankenhauser bombadiert, Hunger als Waffe benutzt, Zivilisten töten lässt durchs Militär, Palästinensische Menschen Kollektiv bestraft der hat aus der eigenen Geschichte nichts gelernt, sondern begeht Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wo bleibt der Aufschrei der Bürger in Israel gegen die eigene Regierung? Warum verurteilt der Zentralrat der Juden in der BRD diese Völkermord an Palästinensern nicht und bezieht eine klare Stellung gegen die Morde an Zivilisten in Gaza? Wer den Tod von Kindern, Frauen und Männern sprich Zivilisten bewusst verursacht durch Kugel, Bomben, Hunger ist ein
Kommentar 17: Anne Winkelsen schreibt am 22.05.2025, 14:13 Uhr :
Der Trailer für Monitor in Bezug auf Gaza ist ja wohl eine glatte Unverschämtheit. Was ist mit den Untaten der Hamas in Israel UND GAZA? Erstaunlich wenig hört man darüber. Überhaupt werden ja wohl inzwischen sehr viele Dinge, die nur von Hamas-nahen Stellen in der ARD (und ZDF) ziemlich ungeprüft in die Nachrichten etc. übernommen. Ich habe bisher NICHTS auf die ÖRR kommen lassen. Das halte ich langsam für einen Fehler. Und unter KRIEGSVERBRECHER verstehe ich etwas anderes als Netanjahu. Obwohl der zu Recht auch in Israel alles andere unumstritten ist und für gewisse Dinge ganz sicher vor ein (israelisches) Gericht gehört.
Kommentar 16: H. Beck schreibt am 22.05.2025, 14:13 Uhr :
Dieser Kommentar wurde gesperrt, weil er gegen unsere Netiquette verstößt. (die Redaktion)
Kommentar 15: Servus schreibt am 22.05.2025, 11:36 Uhr :
Dieser Kommentar wurde gesperrt, weil er gegen unsere Netiquette verstößt. (die Redaktion)
Kommentar 6: Neumann schreibt am 21.05.2025, 15:14 Uhr :
Monitor unterstellt unseren israelisch / jüdischen Freunden ethnische Säuberungen ? Sogar Rassismus ?
Kommentar 1: Tony Binder schreibt am 21.05.2025, 10:14 Uhr :
Dieser Bericht ist wieder reine antisemitische GAZA - PROPAGANDA und beruht auf Falschinfos der HAMAS sowie eines verzerrten linkslastigen Meinungsjournalismus. Fakt ist, dass die immer noch aktive HAMAS die Zivilbevölkerung als Schutzschild missbraucht und die Hilfslieferungen für ihre Zwecke beschlagnahmt. Erst wenn die Hamas vernichtet ist, kann über europ. Hilfe nachgedacht werden. Die umliegenden arab. Länder zahlen eh nichts.