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MONITOR am 21.04.2026 Sportwetten: Hunderte Millionen verschoben?

Mehrere tausend Spieler*innen haben Deutschlands größten Sportwettenanbieter Tipico verklagt. Der Vorwurf: Tipico soll jahrelang Sportwetten und Online-Glücksspiel ohne gültige deutsche Lizenz angeboten haben. Nach Schätzungen geht es um bis zu 150 Millionen Euro Schadenersatz. Doch nach MONITOR-Recherchen könnten viele Klagende selbst mit gültigen Urteilen leer ausgehen – durch Bilanzverschiebungen bei Tipico.

Von Herbert Kordes, Georg Wellmann

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Achim Pollmeier: "Kennen Sie noch diesen Mann? Oliver Kahn, der Titan, deutsche Torwart-Ikone der 90er und 2000er Jahre. Keine Sorge - nichts mit Fußball. Uns interessiert ein Unternehmen für das Kahn massiv geworben hat, nachdem er die Torwart-Handschuhe an einen ziemlich goldenen Nagel gehängt hat. Das klang dann so:"

Oliver Kahn: "Alle Kunden können sich sicher sein, dass ihre Wette bei Tipico und bei mir in absolut sicheren Händen ist."

Achim Pollmeier: "Ja, in sicheren Händen. Und das ausgerechnet bei Sportwetten - also eigentlich Glücksspiel. Blöd nur, dass ausgerechnet zu der Zeit, als Kahn Werbung gemacht hat, Tipico und auch andere Anbieter - zumindest in Deutschland - gar keine Lizenz dafür hatten. Die war und ist aber nun mal vorgeschrieben, um die Spielenden vor unfairen Angeboten oder auch einfach vor Suchtgefahren zu schützen. Jetzt wird der Branchenprimus reihenweise verklagt. Es geht um sehr viel Geld, mutmaßlich über 100 Millionen Euro. Aber bei Tipico ist offenbar nicht nur die Wette, sondern auch das Geld in sehr sicheren Händen. Das Unternehmen sitzt auf Malta - so eine Art Pirateninsel für die Glücksspielbranche. Und dort hat Tipico offenbar einen Weg gefunden, das Geld vor den Klagenden in Sicherheit zu bringen. Selbst dann, wenn Urteile ihnen Recht geben. Es ist etwas kompliziert, aber es lohnt sich, das zu verstehen. Herbert Kordes."

Tipico? Kennt fast jeder. Es ist der größte Anbieter für Sportwetten in Deutschland - mit massiver Werbung:

 

Werbespot Tipico: "Sicher dir bis zu  100,- Euro Neukundenbonus bei Tipico … weil du es spürst."

Unterstützt von Prominenten - und permanent in den Stadien präsent - lockt Tipico seit Jahren Millionen Fans zu Sportwetten - auch diesen Mann. Er möchte nicht offen gezeigt werden. Wir nennen ihn Michael Keller. Der kaufmännische Angestellte ist seit seiner Kindheit Fan des FC Bayern. So ging es bei ihm los mit den Sportwetten, bei Tipico.

 

Michael Keller: "Ich habe im Jahr 2015 eine Werbung von Tipico gesehen, bei dem Oliver Kahn Werbegesicht war, und hatte mir dann überlegt, auch mal ein Konto anzulegen."

Die Torwart-Ikone Oliver Kahn warb damals in vielen Spots für Tipico und versprach den Wettkunden: 

Oliver Kahn: "Für uns stehen die Einhaltung wichtiger Richtlinien im Mittelpunkt."

Michael Keller: "Für mich gab es damals überhaupt keinen Zweifel, dass da irgendwas nicht hätte stimmen können."

Doch es stimmte was nicht: Denn Tipico hatte damals in Deutschland gar keine Lizenz für Sportwetten. Dazu muss man wissen, der Glücksspiel-Staatsvertrag verlangte ab 2012 die Erlaubnis der zuständigen Behörde für Glücksspiel und Sportwetten. Diese Lizenz soll den Zielen des Staatsvertrages dienen - vor allem Glücksspielsucht und Wettsucht zu verhindern.

Michael Keller: "Ich hätte nie für möglich gehalten, dass Tipico ohne gültige Lizenz in Deutschland auf dem Wettmarkt Wetten anbietet."

Doch das tat das Unternehmen - wie andere Glücksspielanbieter auch. Michael Keller machte zusätzlich noch Online-Glücksspiel bei Tipico. Am Ende hat er unterm Strich rund 80.000,- Euro verloren. Jetzt will er sein Geld zurückhaben. Er hat sogar ein Urteil, das ihm recht gibt, weil die Verträge - mangels Lizenz - "nichtig" gewesen seien. Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig. Aber wenn es das würde? Kann Tipico dann auch zahlen oder hat es sein Geld längst vor den Klägern in Sicherheit gebracht? Immerhin gehe es um mehrere tausend Spielerinnen und Spieler, die ihr Geld zurückbekommen müssten, sagt Rechtsanwalt Achim Görg. Er vertritt etliche von ihnen.

Achim Görg, Rechtsanwalt: "Tipico verhält sich aus meiner Sicht seit mindestens 2012 nicht entsprechend der Gesetze und der Lizenzen. Zwischen 2012 und 2020 bestand keine deutsche Lizenz, Tipico war aber trotzdem auf dem deutschen Markt tätig."

Tipico bestreitet, sich rechtswidrig verhalten zu haben - dazu laufe ein Verfahren am Europäischen Gerichtshof und man sehe dieser Klärung zuversichtlich entgegen. Das Urteil steht noch aus, aber der Generalanwalt hat jetzt in einer wegweisenden Stellungnahme erklärt: Ein Sportwettenanbieter, der nicht die erforderliche Konzession besitzt, könne grundsätzlich

Zitat: "… zur Rückerstattung der von den Spielern erhaltenen Einsätze verpflichtet werden."

Für Spieler erstmal eine gute Nachricht. Die Chance, Ihre Verluste zurückzubekommen, scheint nicht schlecht. Allein auf Tipico könnten nach Schätzungen 150 Millionen Euro an Rückzahlungen zukommen. Tipico kommentiert diese Summe nicht, schreibt aber, man habe dafür nach internationalen Standards Rückstellungen von unter 10 Millionen Euro gebildet. Also gerade mal einen Bruchteil dessen, was die Kläger - geschätzt - zurückfordern - von einem Konzern, der mit ihnen Milliarden umsetzt. Tipico besteht aus verschiedenen Firmen und Beteiligungsgesellschaften. Am Ende gehört es der Investment-Gesellschaft CVC-Capital Partners mit Sitz in der Steueroase Jersey. CVC hat seine Mehrheitsanteile zuletzt auch noch weiterverkauft. Die wichtigste Tipico-Gesellschaft für das Sportwettengeschäft in Deutschland ist die "Tipico Co. Ltd.". Gegen sie richten sich viele der Klagen ehemaliger Spieler. Die Gesellschaft sitzt in Malta - und dort treffen wir Michael Schmitt. Er gilt in der Glücksspielbranche als bestens vernetzt und gut informiert. Schmitt hat die aktuellsten Tipico-Bilanzen genau unter die Lupe genommen und stieß dabei auf etwas Merkwürdiges: massive Geldbewegungen.

Michael Schmitt, Malta Media: "Es gibt eine Dividendenausschüttung von 1,087 Milliarden, die halt von der Tipico Co. an die Tipico Group ausgeschüttet worden ist. Das heißt nicht, dass jetzt etwas Illegales passiert ist."

Nicht illegal, aber aufschlussreich. Denn das Geld ist nach unseren Recherchen im Firmengeflecht weitergereicht worden: Von der Tipico Group in Malta weiter an verschiedene Tipico-Gesellschaften in Luxemburg. Ein Großteil der Millionensumme wurde anschließend an die oberste Konzernmutter CVC Capital Partners VII auf Jersey weitergereicht. Warum diese riesige Ausschüttung aus der Tipico Co.? Michael Schmitt hat einen Verdacht:

Michael Schmitt, Malta Media: "Das deutet ganz einfach darauf hin, dass man hier versucht, tatsächlich eine leere Hülle … also ganz einfach zu hinterlassen, um zukünftigen Spielerverbindlichkeiten, die man aus bestehenden Urteilen hat, ganz einfach aus dem Weg zu gehen."

Ist Tipico Co. Ltd. mit der massiven Gewinnausschüttung also gezielt arm gemacht worden, um den Forderungen der Kläger zu entgehen? Tipico antwortet uns nur schriftlich, weist den Verdacht, sein Geld vor den Klägern in Sicherheit bringen zu wollen, aber nicht ausdrücklich zurück. Tipico schreibt nur von "unlauteren Spekulationen”, die man prinzipiell nicht kommentiere. Die "Ausschüttung von Dividenden”, "Umstrukturierungen” und sonstige Rechtsgeschäfte innerhalb der Unternehmensgruppe seien "gewöhnliche Vorgänge” auf Basis geltenden Rechts wie sie "in allen Wirtschaftssparten üblich” seien. Okay - alles legal. Aber warum diese massive Ausschüttung - knapp 450 Prozent höher als im Jahr davor? Das erfahren wir nicht. Wir haben deshalb Regine Buchheim gefragt - Spezialistin für internationale Rechnungslegung: Ist der Verdacht plausibel, dass Tipico hier das Geld der Kläger weggeschafft hat?

Prof. Regine Buchheim, Hochschule für Technik und Wirtschaft: "Es ist zumindest nicht von der Hand zu weisen. Der Abschluss belegt, dass wesentliche Teile des immateriellen Anlagevermögens, (...) wir würden umgangssprachlich sagen: das Tafelsilber, nämlich die Rechte des Internetauftritts, ein Teil des Kundenstammes, die Software, die Marke sind an die Mutter übertragen worden. Und das kann ich ja nur einmal im Leben machen eines Unternehmens."

Bleibt von Tipico Co. am Ende also tatsächlich nur eine leere Hülle und die Klagen tausender Spieler laufen ins Leere? Es ist, wie beim Wetten: Es bleibt spannend. Fragt sich nur, ob am Ende wieder die Bank gewinnt.

Achim Pollmeier: "Was wohl Oliver Kahn dazu sagen würde? Das hätten wir Ihnen auch gern erzählt. Wenn er nur mit uns reden würde."

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