MONITOR vom 11.09.2025 : Putins Helferin aus Deutschland
Kriegslogistik für Russland im Paket mit humanitärer Hilfe: Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen einen Berliner Verein wegen Terrorunterstützung. Mit Spendengeldern aus Deutschland sollen prorussische Milizen in der Ostukraine unterstützt worden sein. Die Vorsitzende hat sich längst nach Russland abgesetzt. Nach Recherchen von WDR, NDR, SZ und MONITOR findet die Unterstützung aber weiterhin statt - auch mit Geld aus Deutschland. Gleichzeitig hat die Frau offenbar seit Jahren enge Beziehungen zum russischen Geheimdienst und pflegt in Deutschland ein weit verzweigtes Netzwerk bis in den Bundestag.
Von Andreas Spinrath, Katja Riedel, Helene Fröhmcke, Andreas Maus
Dialogbox
KommentierenGeorg Restle: "Düster eigentlich auch dieses Bild hier - Donald Trump und Vladimir Putin Hand in Hand. Wohin entwickeln sich die USA? Und vor allem wohin entwickelt sich die Welt mit diesem Präsidenten? Ein Präsident, der einem russischen Kriegsverbrecher den roten Teppich ausrollt und ihn damit ermutigt, seinen verbrecherischen Angriffskrieg gegen die Ukraine fortzuführen. Ein Krieg, aus dem uns diese Woche diese Bilder erreicht haben - ein kleines ukrainisches Dorf, das von einer russischen Rakete angegriffen wurde. Ein Dorf, wie es so viele gibt an der Frontlinie, in dem fast nur noch die Alten zurückgeblieben sind, weil sie ihre Heimat nicht verlassen wollen. Mindestens 24 Menschen wurden durch den Angriff getötet, darunter viele, die gerade auf die Auszahlung ihrer Rente warteten, Großmütter, Großväter.
Mann im Dorf (Übersetzung MONITOR): "Wir wurden hier schon früher bombardiert. Aber doch nicht so. Hier gab es schon mal Einschläge im Wald oder am Dorfrand. Aber dieses Mal war es direkt mitten im Dorf."
Georg Restle: "Der Ruf nach Frieden in der Ukraine wird immer lauter - auch in Deutschland. Wobei man schon sehr genau hinschauen sollte, wer da gerade alles ruft - und ob es einigen dieser selbsternannten Friedenskämpfer tatsächlich um Frieden geht oder doch um etwas ganz anderes. Gemeinsam mit WDR, NDR und SZ haben wir uns eine Organisation näher angeschaut, die sich Friedensbrücke nennt, aber dabei vor allem den Interessen Moskaus dient - und das mit weitreichenden Verbindungen bis hinein in den deutschen Bundestag. Andreas Spinrath, Katja Riedel und Andreas Maus."
Der Osten der Ukraine - jeden Tag sterben hier Menschen im schier endlosen Stellungskrieg. Das 1. Armeekorps der Donezker Volksrepublik im Einsatz auf der russischen Seite der Front. Solche Videos veröffentlichen die Kämpfer auf ihrem Kanal. Auf demselben Kanal findet man auch solche Videos. Darin zu sehen - diese Frau. Sie verteilt Material an die Kämpfer, und sie spricht Deutsch:
Liane Kilinc, Friedensbrücke: "Unsere Sache ist gerecht. Wir werden siegen!"
Wer ist diese Frau? Sie heißt Liane Kilinc und ist Vorsitzende dieses Vereins, der Friedensbrücke. Ein Verein, gegründet, um humanitäre Hilfe in der ukrainischen Region Donbass zu leisten. Ein Verein, der - glaubt man dem Imagevideo - nur Gutes im Sinn hat.
Imagevideo: "Die Zivilisten sind immer die Leidtragenden in Kriegen. Und wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, genau diesen Menschen - den Ärmsten der Armen - zu helfen."
Ein Verein, der in den von Russland besetzten Gebieten der Ukraine Zivilisten hilft? Wirklich nur Zivilisten? Der Generalbundesanwalt glaubt das offenbar nicht:
Fernsehbericht, 27. Mai 2025: "Im Zusammenhang mit Anti-Terror-Ermittlungen sind heute mehrere Gebäude in Berlin und Brandenburg durchsucht worden."
Der Verdacht: Illegale Unterstützung von prorussischen Milizen im Donbass. Es gibt einen Haftbefehl für Liane Kilinc. Die Ermittlungen laufen noch, doch Liane Kilinc ist längst weg. Moskau, hier lebt sie jetzt. Schon 2023 erhielt sie politisches Asyl in Russland. In staatsnahen Medien wird sie seitdem als Widerstandskämpferin gefeiert.
Reportage (Übersetzung MONITOR): "Die Heldin unseres Dokumentarfilmes leistet wichtige und akribische Arbeit. Nicht zu Showzwecken, nicht für den Ruhm und schon gar nicht für Geld."
Eine Friedenskämpferin - verfolgt von deutschen Behörden. So wird ihre Geschichte hier erzählt. Für Russland ist Liane Kilinc damit offenbar sehr wertvoll. So wertvoll, dass sie im April 2025 sogar die russische Staatsbürgerschaft erhält, per Dekret vom Präsidenten persönlich. Grundlage für Putins Entscheidung: Ein internes Empfehlungsschreiben, in dem es heißt, Kilincs Verein habe Russlands sogenannte "Spezialoperation" unterstützt und zwar mit
Zitat: "2 Millionen Euro Geld und mehr als 4 Millionen Sachspenden."
und zwar zuallererst für
Zitat: "Bataillone und Brigaden an der Frontlinie."
Sabine Fischer, Politikwissenschaftlerin, Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP): "Liane Kilinc und andere Personen sind Ressourcen, die benutzt werden, die propagandistisch genutzt werden kann über diese Hilfslieferungen in den Donbass, über die Tatsache, dass sie jetzt eben in Russland ist und dort mit großer Geste Asyl und dann auch die Staatsbürgerschaft erhalten hat. Also letztendlich ist es eine Art Gesamtbild, das hier entsteht, das wertvoll ist - aus russischer Perspektive."
Propaganda in Russland also, aber wie unterstützt die Frau aus Deutschland Putins Angriffskrieg in der Ukraine? Mit WDR, NDR und der Süddeutschen Zeitung haben wir Aufnahmen und Dokumente von Liane Kilinc aus den vergangenen Jahren ausgewertet. Darin sieht man darin, dass die Friedensbrücke und ihre Partnerorganisationen direkt prorussische Kämpfer oder die russische Armee unterstützen. Man sieht russische Kämpfer mit Liane Kilinc und dem Logo der Friedensbrücke. Man sieht Liane Kilinc mit einer Kappe mit dem Buchstaben Z, dem Symbol der russischen Invasion in der Ukraine. Und man sieht Kämpfer, die sich für die Hilfe bedanken. Sie unterstützt Kämpfer, aber nicht nur mit Kisten voller Lebensmittel, sondern auch mit Tarnnetzen. Und sogar mit Drohnenteilen. Militärausrüstung! Dieses Video zeigt, wie Russland genau dieses Modell als sogenannte Kamikaze-Drohne einsetzt. Umgebaut zu einer Waffe im Krieg gegen die Ukraine. Tödliche Drohnen. Wird diese Hilfe bis heute auch aus Deutschland finanziert? Wir fahren nach Magdeburg, dort findet am vergangenen Wochenende ein sogenanntes "Friedensfestival" statt. Wir sind mit versteckter Kamera unterwegs, einige Bilder drehen wir auch mit dem Handy. Auf dem Festival treffen sich auch Corona-Verschwörungsideologen und Russlandfreunde wie Diether Dehm, der für die Linkspartei im Bundestag saß. Und tatsächlich, hier hat auch die Friedensbrücke einen Stand. Wird hier wirklich auch Geld für russische Kämpfer im Donbass gesammelt? Wir wollen das genauer wissen.
Gedächtnisprotokoll
Frau am Stand: "Hier macht Spenden Spaß. Alles für einen guten Zweck. Das ist für die Friedensbrücke, das geht alles an die Friedensbrücke."
Reporter: "Kommt das dann noch da an, wo es hinkommen soll, dass Liane das auch noch kriegt und da vor Ort arbeiten kann?"
Frau am Stand: "Das kommt da an und das wird genau vor Ort eingesetzt."
Reporter: "Aber Geld nach Russland kann man gar nicht mehr überweisen, so richtig, oder?"
Frau am Stand: "Ne, direkt nicht, aber über Umwege geht's. So über Vereinigte Arabische Emirate und so."
Reporter: "Wenn man jetzt hier sagt, okay, ich will Donbass Hilfe weiter unterstützen, wie mache ich das?"
Frau am Stand: "Gehste auf die Homepage, da ist eine E-Mailadresse. E-Mailadresse schreibst du an und dann kriegst du eine aktuelle Kontonummer."
Ist es wirklich so einfach, Kilinc in Russland mit Geld zu unterstützen? Wir probieren es aus, geben vor, spenden zu wollen. Nach kurzer Zeit antwortet Liane Kilinc selbst. Und sie schickt uns die deutsche Kontonummer eines Verwandten, der sich selber in Russland aufhalten soll. Wie schätzt die Russland-Expertin Sabine Fischer diese Hilfe ein?
Sabine Fischer, Politikwissenschaftlerin, Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP): "Organisationen wie die Friedensbrücke oder auch Individuen wie Liane Kilinc sind aus russischer Perspektive interessant, weil sie eben genau solche Einfallstore sind in das deutsche System. Sie operieren in Deutschland oder haben in Deutschland operiert - in diesem Fall - und sie sind vernetzt mit unterschiedlichen politischen oder auch gesellschaftlichen Strukturen in Deutschland. Also das sind Anknüpfungspunkte."
Liane Kilinc als Einfallstor ins deutsche System. Diese Chance hat dieser Mann offenbar erkannt. Sergej K., einer, den Sicherheitskreise nach Recherchen von WDR, NDR und SZ als Mittelsmann des russischen Geheimdienstes FSB einordnen. Doch was hat er mit Liane Kilinc zu tun? Wir treffen diese Person, die für das Dossier Center arbeitet. Eine Rechercheplattform des russischen Oppositionellen Michail Chodorkowski. Sie zeigt uns Dokumente, die wir nicht filmen sollen und die zeigen, wie eng Liane Kilinc seit Jahren auf verschiedenen Kanälen mit Sergej K. kommuniziert - bis heute. Sie teilt ihm mit:
Zitat: "Ich habe Material für dich."
Sie machen Treffen aus:
Zitat: "Mittwoch um 11.00 Uhr im Büro Friedensbrücke."
Es geht immer wieder auch um Zahlungen, zum Beispiel:
Zitat: "Wegen Büro Miete und Absprachen."
Ist Liane Kilinc eine Informantin des Geheimdienstes? Sie und Sergej K. äußern sich auf Anfrage nicht zu den Vorwürfen. Die Person vom Dossier Center erklärt den Auftrag von Kilinc.
Analyst, Dossier Center, London: "Es handelt sich um eine sehr wichtige Basisarbeit, die sie für den FSB macht. Sie sucht nach potenziellen, neuen Informanten, wirbt sie an und hilft dem FSB, sein Netzwerk auszubauen."
Kilinc schreibt an Sergej K.
Zitat: "Mein Netzwerk ist unerschöpflich."
Ihr Netzwerk pflegt sie auch in Chat-Gruppen.
Zitat: "In unserem Kanal "Widerstand" (...), nur 10 Personen drin, Rainer Rothfuß stellt eine Frage an uns."
Und das ist der Mann. Rainer Rothfuß, ein Bundestagsabgeordneter der AfD! Auffällig, kurz nach der Razzia im Mai zeigte er sich solidarisch mit Kilinc.
Rainer Rothfuß (AfD), Bundestagsabgeordneter, 08.06.2025: "Das ist eine Schande für Deutschland, dass engagierte Menschen so von der Politik und Justizsystem verfolgt und traktiert werden."
Rothfuß ist Mit-Gründer von "Druschba", einem deutsch-russischen Freundschaftsverein. Vereinsmitglieder trafen sich im vergangenen Jahr mit Liane Kilinc und einer Ministerin der Provinz Nishni Novgorod in Russland. Rothfuß nennt die Vorwürfe gegen Kilinc auf Anfrage "ungeheuerliche Verleumdungen", es gelte die Unschuldsvermutung. Den Kontakt zu Kilinc bestätigt er, die gemeinsame Chat-Gruppe diene "geopolitischen Fragestellungen", heiße aber nicht Widerstand. Haben Kilinc und durch sie auch ihre russischen Kontakte über den AfD-Mann Rothfuß also einen direkten Draht in den Bundestag?
Sabine Fischer, Politikwissenschaftlerin, Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP): "Diese Netzwerke, die Russland mitbespielt und zu nutzen, mitzunutzen versucht, um eben Desinformation zu betreiben und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu unterminieren und zu zersetzen, sind in den letzten Jahren enorm gewachsen, viel stärker geworden und sind zu einer echten Gefahr für das demokratische politische System in Deutschland geworden."
Der Fall Liane Kilinc zeigt, Russland scheut offenbar keine Mühen, um die deutsche Gesellschaft zu spalten. Und hat dabei wohl mehr Unterstützer von innen als bislang gedacht.
Georg Restle: "Dass es immer noch so viele Menschen in Deutschland gibt, die glauben, Putin gehe es tatsächlich um Frieden in Europa, hat viel mit der Propaganda solcher Organisationen zu tun. Auch deshalb ist es wichtig, diese Netzwerke offenzulegen."
Stand: 11.09.2025, 22:15 Uhr
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