MONITOR am 20.11.2025 : Neue AfD-Jugend – alter Rechtsextremismus?
Die alte Parteijugend galt als „gesichert rechtsextrem“, jetzt will die AfD eine neue Jugendorganisation gründen. Sie soll Teil der Partei werden – auch um besser durchgreifen zu können. Doch was steckt tatsächlich dahinter? MONITOR-Recherchen zeigen: Mäßigung ist nicht zu erwarten. Die Zusammenarbeit mit anderen rechtsextremen Gruppen spielt eine zentrale Rolle in der Strategie der neuen AfD-Jugend.
Dialogbox
KommentierenGeorg Restle: "Und damit wären wir bei der AfD, die mit dem Thema kriminelle Ausländer regelmäßig hausieren geht. Klar, mit der Angst vor dem Fremden lässt sich gut Stimmung machen - und Wahlkampf sowieso. Das gilt für die AfD im Allgemeinen und für ihre Jugendorganisation ganz besonders. Eine Gruppierung, die als gesichert rechtsextremistisch galt mit besten Verbindungen ins gewaltbereite rechtsextreme Milieu. Dieses Jahr wurde die Junge Alternative aufgelöst. Jetzt soll alles anders werden, sagt die Parteispitze. Die neue Parteijugend soll stärker an die Partei gebunden werden.
Bernd Baumann (AfD): “Das hat ja auch große Vorteile für die Jugend. Sie haben dann mehr Geld, sie haben mehr Personal, sie sind besser organisiert, sie sind Teil von dem Ganzen.”
Straffer organisiert: Am nächsten Wochenende soll die neue Jugendorganisation der AfD gegründet werden. Doch was soll das eigentlich werden? Alles nur ein bisschen professioneller, ein bisschen weniger offen rechtsextrem? Das wollten wir uns mal genauer anschauen und waren unterwegs - mit versteckter Kamera - im Vorfeld einer AfD-Jugend, die jetzt noch mächtiger werden soll.
Es ist Mitte September, wir sind undercover, unterwegs zu einer Veranstaltung der AfD in Rheine in Nordrhein-Westfalen. Ein „Jugendstammtisch“. Seit sich die Junge Alternative, kurz JA, aufgelöst hat, finden diese Treffen regelmäßig statt; zum Vernetzen, organisieren. Heute hat Irmhild Boßdorf eingeladen: AfD-EU-Abgeordnete und ganz rechts außen. Man will die Zukunft der neuen AfD-Jugendorganisation planen - und wir sind mittendrin. Um uns herum, etwa 60 junge Menschen, fast nur Männer: AfD-Lokalpolitiker, ehemalige Vorsitzende von JA-Kreisverbänden. Die Gastgeberin begrüßt ihren Stargast:
Irmhild Boßdorf (AfD): "Wer nicht weiß, wer Kalli Hohm ist, der wird es wahrscheinlich spätestens in zwei Monaten wissen. Er ist nämlich der designierte neue Jugendvorsitzende."
Kalli Hohm - eigentlich Jean-Pascal Hohm - AfD-Landtagsabgeordneter aus Brandenburg. Extra angereist aus Cottbus. Das wohl neue Gesicht der Jugendorganisation macht den Leuten hier nochmal klar, worum es ihm geht:
Jean-Pascal Hohm (AfD), Mitglied des Landtags Brandenburg: "Dass wir in den Städten und Dörfern, die unsere Ahnen erbaut haben, eben so leben können, wie es unsere Art zu leben ist. Und dass wir dafür kämpfen, mit allem, was wir sind, was wir haben, dass Deutschland das Land der Deutschen bleibt und da, wo es jetzt nicht mehr ist, wieder wird."
Deutschland den Deutschen! Die völkische Kampfparole der Rechtsextremisten. Und mit denen ist Hohm auch bestens vernetzt. 2018 zu Besuch in Italien: bei Casa Pound einer gewaltbereiten, neofaschistischen Organisation. Die Bewegung ist in ganz Italien aktiv. Oder hier, Hohm am Rande einer Demo der Identitären Bewegung, die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft wird. Auch sein AfD-Landesverband und Hohm selbst werden seit diesem Jahr vom Verfassungsschutz als gesichert extremistisch eingestuft: Er und andere seien
Zitat Brandenburger Verfassungsschutz: "in Brandenburger Hochburgen des Rechtsextremismus politisch sozialisiert worden, sind dort persönlich vernetzt und nehmen persönlich und privat Anteil an einer rechtsextremen Subkultur."
Für die AfD sitzt Hohm im Brandenburger Landtag. Das ist also der designierte Vorsitzende der neuen AfD-Jugend. Wir wollen mehr darüber wissen und fahren nach Cottbus, zu einer "patriotischen Party" für junge Leute. Die Party wird von Hohm mitorganisiert. Wir dürfen nicht rein. Aber Hohm kommt zu uns raus. Wie stellt er sich die neue AfD-Jugend vor?
Jean-Pascal Hohm (AfD), Mitglied des Landtags Brandenburg: "Wir sind ein patriotisches Mosaik. Da ist die AfD, und ihre Jugendorganisation ist das wichtigste Teil dieses Mosaiks. Und wir arbeiten in Vorfeldorganisation zusammen. Das ist ganz klar. Wir haben ja auch ein vitales und vielfältiges Vorfeld."
Kurzer Stopp, denn für die Strategie der AfD-Jugend ist dieser Begriff entscheidend: das Vorfeld. Das sind Vereine, Medien, und Gruppierungen vom äußersten rechten Rand.
Prof. Matthias Quent, Soziologe, Hochschule Magdeburg-Stendal: "Das sind Organisationen, die in den letzten über 10 Jahren (...) die AfD aus dem Nationalkonservatismus oder auch Populismus bis in den Rechtsextremismus gedrängt und geführt haben, indem sie immer mehr Druck von außen auf dieses parlamentarische System ausgeübt haben und damit eine Radikalisierung vorangetrieben haben und die neue Jugendorganisation will dieses Vorfeld an die AfD binden, um einen großen Einfluss auf die Entwicklung der AfD zu haben."
Wir sind zurück in Rheine, wo es genau darum geht: Vernetzung mit dem Vorfeld. Neben Hohm sitzt jetzt Benedikt Kaiser auf der Bühne. Einer der Vordenker der AfD und der so genannten "Neuen Rechten". In einem langen Vortrag betont auch er die Bedeutung des Vorfelds:
Jürgen Kayser, Leiter des Verfassungsschutzes NRW: "Die Aufgabe der Jugend ist es, Brückenbauer (...) zu sein. Die Jugend Neubeteiligung muss letztendlich ein Vermittler sein, eine Transmissionslinie zwischen Vorfeld und Partei. Aber sie darf nicht selbst eins von beiden komplett werden."
Was und wen er damit meint, erleben wir beim Bierholen. Neben uns in der Schlange steht dieser Mann, Simon Thiele. Auf seinem YouTube-Kanal verbreitet er zentrale Verschwörungsmythen des Rechtsextremismus:
Simon Thiele, YouTube-Kanal: "Wir haben einen existenziellen, einen Kampf um das Überleben des deutschen Volkes.” (…) "durch die Ersetzungsmigration, durch den Bevölkerungsaustausch"
Thiele gehörte zur mittlerweile aufgelösten rechtsextremen Revolte Rheinland, bekannt für aggressive Störaktionen. Er posiert gern mit der White-Power-Geste der Neonazi-Szene, die für eine angebliche "Überlegenheit und Vorherrschaft weißer Menschen" steht. Die "Revolte Rheinland" steht auf der Unvereinbarkeitsliste der AfD. Bei der Veranstaltung in Rheine ist Thiele trotzdem willkommen, darf sogar filmen. Exklusive Inhalte vom AfD-Treffen für Thieles eigenen YouTube-Kanal. Unvereinbarkeit? Abgrenzung zu anderen Rechtsextremisten? Das sei nicht wirklich gewollt, sagt AfD-Beobachter Fabian Virchow.
Prof. Fabian Virchow, Politikwissenschaftler, Hochschule Düsseldorf: "Wir wissen aus den langen Jahren der AfD-Tätigkeit, dass die Unvereinbarkeitsbeschlüsse de facto keine Rolle spielen. Angesichts des fortgesetzten Erfolgs, den die AfD hat, gibt’s für die Menschen, die sich da bis jetzt engagiert haben, wenig Gründe, sich zurückzuziehen. Dass es da zu umfangreichen Sanktionen kommen wird, weil man vielleicht aktuell oder früher in einer dieser rechtsextremen Vorfeldorganisationen tätig war, ist nicht zu erwarten."
Enge Vernetzung mit rechtsextremen Akteuren - genau dafür stand auch schon die Vorgängerorganisation: Die Junge Alternative. Die forcierte die internationale Vernetzung mit anderen Rechtsextremen, wie hier: Demo der Identitären Bewegung in Wien. Mutmaßliche Verbindungen in eine rechte Terrorgruppe. Ein JA-Mitglied soll Teil der Sächsischen Separatisten gewesen sein und einen gewalttätigen Umsturz geplant haben. 2023 stufte der Verfassungsschutz die Junge Alternative als gesichert extremistische Bestrebung ein. Die Parteispitze machte Druck, der ehemalige Verein soll nun Teil der Partei werden, die JA löste sich auf. Doch die JA NRW machte klar:
Zitat: "Die Hülle der JA fällt weg - ihre Seele wird weiterleben."
Jürgen Kayser, Leiter des Verfassungsschutzes NRW: "Wir stellen fest, dass auch nach der Auflösung die handelnden Akteure in der Organisation, also die Hauptprotagonisten, weiterhin aktiv sind, auf Social Media entsprechend Posts veröffentlichen, dass sie aber auch vor allen Dingen weiterhin Netzwerkveranstaltungen durchführen mit anderen Akteuren aus dem sogenannten rechtsextremen Vorfeld. Und insofern an ihrer ideologischen Ausrichtung weiterhin festhalten."
Die Seele der alten JA zeigt sich auch bei einem anderen Treffen. Wir fahren zu einem weiteren AfD-Jugendstammtisch Ende August in Essen. Das Motto: "Remigration und Vorfeld". Wir wollen wissen, wer sich hier vernetzt. Rund 20 Menschen sind da, viele waren früher in der JA. Auch Simon Thiele ist wieder da; und noch ein weiterer Mann kommt uns bekannt vor. Fidelis Balthasar Edelmann. Edelmann taucht nicht nur öfter bei AfD-Veranstaltungen auf, er war auch im Februar beim Bundeskongress der Jungen Alternative in Apolda, wo über ihre Auflösung entschieden wurde. Aber wir haben ihn auch hier entdeckt. Bei einer Demo der JN, der Jungen Nationalisten in Essen, hier im August. Und zuletzt auch vor einer Woche, bei der Jugendorganisation der Partei "Die Heimat", ehemals NPD. Regelmäßig marschiert Edelmann hier mit - Arm in Arm mit Rechtsextremisten. Dabei steht die JN auch auf der Unvereinbarkeitsliste der AfD. Ein offenkundiger Neonazi aus dem Vorfeld der Partei, der auch bei der AfD-Jugend aktiv ist.
Prof. Matthias Quent, Soziologe, Hochschule Magdeburg-Stendal: "Alle bisherigen Informationen deuten darauf hin, dass diese neue Jugendorganisation nicht weniger radikal, aber deutlich besser professionalisiert, organisiert und strukturiert ist. Also, man hat es nicht mit einer inhaltlichen Mäßigung zu tun, sondern mit einer besser überlegten Einbindung des rechtsextremistischen Vorfelds, einer Scharnierfunktion zwischen Jugendmilieus und Parteien, wie es sie vorher noch nicht gegeben hat."
Zurück in Rheine - es ist jetzt Abend, wir stehen draußen am Grill. Hier fühlt man sich unantastbar.
Unbekannter Teilnehmer draußen: "Die können tun und machen, was sie wollen, unsere Bewegung wird nur stärker."
Radikale Machtphantasien. Das gilt für die gesamte AfD. Unsere Anfragen dazu wurden übrigens nicht beantwortet. Hier sieht offenbar niemand einen Grund, sich von irgendwas oder irgendwem zu distanzieren oder gar zu mäßigen.
Georg Restle: "Die alten Netzwerke, die alte rechtsextreme Gesinnung. Nur disziplinierter und adretter im Auftritt. Das dürfte sie dann wohl sein: Die neue Jugendorganisation der AfD. Wer immer sich davon täuschen lässt; oder besser nicht."
Noch keine Kommentare