MONITOR vom 21.05.2026 : Hitlergruß im Stadion: Wie Rechte (wieder) die Fußballkurven erobern
Die 3. Fußball-Bundesliga soll laut DFB die “Heimat von Fußballromantikern” sein. Tatsächlich ist sie aber ein Ort, an dem Rechtsextreme gerade offenbar massiv an Einfluss gewinnen. MONITOR-Recherchen zeigen, wie sie sich in Fanstrukturen vernetzen und Andersdenkende auch gewaltsam aus den Stadien drängen. Längst versucht auch die AfD, den Fußball für die eigenen politischen Zwecke zu nutzen. Verfassungsschützer und Fanbetreuer sprechen von einer zunehmenden Bedrohung in ganz Deutschland.
Von Julius Baumeister, Luc Oeppert, Max Ortmann
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Kommentieren [3]Achim Pollmeier: "So und jetzt zum Fußball. Das Fußballjahr ist ja auf dem Höhepunkt, die WM kommt und wir werden vermutlich wieder viele Bekenntnisse für Vielfalt und gegen Rassismus hören – auch vom DFB-Präsidenten Bernd Neuendorf."
Bernd Neuendorf, DFB-Präsident: "Es ist immer wieder unsere Aufgabe, darauf hinzuweisen, dass Rassismus im Fußball nichts zu suchen hat. Dann hat man auch eine gewisse Verantwortung für das, was in der Gesellschaft passiert, wo man glaubt, dass wir Flagge zeigen müssen. Für dieses Gedankengut, meine Damen und Herren, ist kein Platz, weder im Fußball noch in unserer Gesellschaft."
Achim Pollmeier: "Man darf dem DFB-Präsidenten das ruhig abnehmen. Ob wirklich alle mitmachen, muss man allerdings bezweifeln. Denn gerade in unteren Ligen haben viele Clubs ein veritables Problem mit rechtsextremen Fans – und ducken sich weg. Sicherheitsbehörden warnen, dass sich Fankultur und das rechtsextreme Milieu zunehmend vernetzen und dabei auch immer jüngere Fans ansprechen. Julius Baumeister, Luc Oeppert und Max Ortmann."
Wir sind im Ruhrgebiet, bei Rot-Weiss Essen, einem Traditionsverein. Am Stadion an der Hafenstraße, dem Eingang West. Hier steht bei Heimspielen der harte Kern der Fanszene. Und hier hängt diese Tafel: Der Verein bittet, in der Kurve keine SS-Runen zu zeigen, kein Hakenkreuz. Auch etliche andere Codes und Abzeichen rechtsextremer Gruppen sind aufgeführt. Eine Tafel, die das Verwenden rechtsextremer Symbole verhindern soll? Wieso ist das nötig? Wir treffen einen, der lange kein Heimspiel verpasst hat. Zu seiner Sicherheit können wir ihn nicht zeigen. Wir nennen ihn Max.
Max: "Bei fast jedem Spieltag hört man rassistische Ausrufe, bei fast jedem Spieltag sieht man rechte Szene-Kleidung, einen Hitler-Gruß oder die Aussage "Sieg Heil". (...) Wir sehen bei uns am Standort Essen, dass es eine emporkommende junge Generation von Rechten gibt."
Und die machen sich im Stadion lautstark bemerkbar. Im November 2025 etwa grölen RWE-Fans im Stadion den in rechtsextremen Kreisen beliebten "Abschiebesong".
Gesang: "Hey, was geht ab, wir schieben euch alle ab! Euch alle!
Doch dabei bleibt es nicht. Die Rechtsextremen in der Kurve würden immer dominanter – wer da nicht mitmacht oder anders denkt, dem drohe Gewalt, sagt Max.
Max: "Teilweise geht es so weit, dass Leute aus dem Stadion geprügelt werden von einem Mob von 20 Leuten. (...) Das hatte zur Folge, dass sie schwere Gesichtsfrakturen hatten, notoperiert werden mussten noch vor Ort, und auch dort gab es kein Eingreifen von Fanvertreter*innen, geschweige denn von anderen Fans."
Rechtsextreme, die Fans ins Krankenhaus prügeln? Wir fragen den Verein nach diesem Vorfall. Schriftlich heißt es, unsere Anfrage erreiche den Verein in einer "arbeitsintensiven Saisonschlussphase", man könne daher keine Antworten geben. Aber die Staatsanwaltschaft bestätigt uns die gewaltsame Attacke. Ist die Entwicklung in Essen ein Einzelfall? Er muss es wissen: Patrick Arnold sammelt gemeinsam mit der Meldestelle für Diskriminierung im Fußball Vorfälle in deutschen Stadien:
Patrick Arnold, Geschäftsführer LAG Fanprojekte NRW: "Es gibt da eigentlich durch das ganze Bundesland quer durch Vorfälle, Das können rassistische Gesänge sein, das können antisemitische oder Schoah-relativierende Graffitis oder Schmierereien sein."
Sticker, zur 'Vaterlandsliebe', oder mit klarem Bezug zu rassistischen Brandanschlägen im Umfeld der Stadien. Und dabei bleibt es nicht.
Zitat: "April 2026, Essen: Ein RWE-Fan im Block R1 der Rahn-Tribüne hat mehrmals den Hitler-Gruß Richtung Gästeblock gezeigt. November 2025, München: Ein Spieler wird von 1860-Anhängern rassistisch beleidigt, samt Hitler-Gruß. Januar 2025, Aachen: Im Bus wurde 'Deutschland den Deutschen, Ausländer raus' gesungen. Ein junger Mann hat uns leidend angeguckt, die meisten haben aber mitgemacht und niemand hat etwas dagegen gesagt. Ich habe mich selber auch nicht getraut."
Patrick Arnold, Geschäftsführer LAG Fanprojekte NRW: "Der Einfluss von rechten Akteuren auf den Fußball ist auf jeden Fall größer geworden. Wir stellen fest, dass wir in den letzten drei Jahren 3.700 Meldungen bekommen haben."
Arnold vermutet, dass die Dunkelziffer viel höher sei. Aber wieso tummeln sich Rechte offenbar ausgerechnet in der 3. Liga?
Patrick Arnold, Geschäftsführer LAG Fanprojekte NRW: "Da haben die Vereine häufig nicht die finanziellen und die zeitlichen Ressourcen und weniger Know-how, wenn es um die Themen Prävention, Fanarbeit und auch den Einfluss politischer Akteur:innen geht."
Die Wiederentdeckung der Kurven, Rekrutierungsversuche in der größten Subkultur Deutschlands, all das beschäftigt auch Sicherheitsbehörden. Das Bundesamt für Verfassungsschutz spricht von einer "rechtsextremen Erlebniskultur", zu der auch der Fußball gehöre. Und: es werden "intensivierte Vernetzungsbestrebungen" registriert. Stephan Kramer ist Präsident des Verfassungsschutzes in Thüringen. Die zunehmende Bedrohung von rechts habe längst auch den Fußball erreicht, sagt er.
Stephan Kramer, Verfassungsschutz Präsident Thüringen: "Das Risiko, was darin besteht, ist schlicht und ergreifend, dass mit dem Fußball der Rechtsextremismus noch weiter in die Mitte der Gesellschaft vordringt, dass die Ideologie noch akzeptierter und normalisierter wird. Und damit die Gefahr für eine offene heterogene Demokratie, wie wir sie bisher haben."
Wir sind bei einem Auswärtsspiel von Rot-Weiss Essen in Stuttgart. Vor dem Stadion entdecken wir diesen Bus, in dem schon 11-Jährige mitfahren können. Die Organisatoren der Busreisen sind aber nicht nur Fußballfans. Diese beiden jungen Männer sahen wir auch in einem ganz anderen Kontext. Es ist der 1. Mai. Die rechtsextreme Partei "Die Heimat" hat zu einer Demo aufgerufen. Gekommen sind rund 300 Menschen. Und: Es sind auch die Männer dabei, die für Jugendliche Fahrten zu Auswärtsspielen von RWE organisieren. Hier stehen sie Seite an Seite mit gewaltbereiten Neonazis wie Vertretern der so genannten Elblandrevolte. Und marschieren mit bundesweit bekannten Größen der Neonazi-Szene wie Thorsten Heise. Eine Demo hochrangiger Neonazis und mittendrin RWE-Fans, die Auswärtsfahrten organisieren. Auch dazu erhalten wir vom Verein Rot-Weiss Essen keine Antwort. Aber die Polizei bestätigt uns diese Verbindungen. Verbindungen, die es längst nicht nur in Essen gibt. Denn der Fußball wird auch andernorts wiederentdeckt. Im Herbst 2025 sind wir undercover bei einer Veranstaltung des AfD-Nachwuchs dabei. Hauptredner sind der extrem rechte Vordenker Benedikt Kaiser – und der heutige Chef der AfD-Jugend Jean-Pascal Hohm. Für den Nachwuchs im Saal hat der eine klare Ansage.
Jean-Pascal Hohm: "Geht einfach mal zum Fußball, wenn ihr aus Essen seid, geht zu Rot-Weiss Essen, stellt euch da einfach mal hin. Es gibt ja auch in Nordrhein-Westfalen genügend Leute, die tendenziell eher so denken wie wir, aber die jetzt nicht politisch engagiert sind. Geht raus und wenn ihr dann fünf Leute seid, zehn Leute, geht ja nicht in die Kneipe, sondern geht aufs Stadtfest, geht aufs Dorffest, geht zum Fußball."
Der Chef der Generation Deutschland ruft seinen rechten Nachwuchs dazu auf, überall im Land zum Fußball zu gehen, um Leute für die AfD-Politik zu gewinnen. Zu Rot-Weiss Essen, aber auch zu seinem Lieblingsverein: Energie Cottbus.
Video Jean-Pascal Hohm Cottbus: "Energie Cottbus ist der Botschafter für unsere Heimatregion. Und das ab der kommenden Saison auch wieder in Liga 2."
Hohm machte es in der Vergangenheit selbst vor – hier bei einem Auswärtsspiel in Berlin. Und im Netz findet sich auch dieses Bild – Hohm ganz links im Block der Cottbuser Ultras bei einem Spiel in Babelsberg, bei der Cottbuser in der Kurve an ihrer politischen Gesinnung keinen Zweifel ließen. Und gerade erst erschien Hohm beim letzten Heimspiel der Saison von Energie – an seiner Seite: der AfD-Vorsitzende Tino Chrupalla. Das Stadion als Ort, wo die AfD und andere extrem Rechte für sich werben können. Was unternimmt der Verein dagegen? Auf unsere Fragen antwortet Energie Cottbus schriftlich:
Zitat: "Nach Prüfung Ihres Anliegens haben wir uns darauf verständigt, uns bezüglich der aufgeführten Sachverhalte nicht zu äußern."
Wir haben deshalb auch den Deutschen Fußball-Bund gefragt. Man nehme Radikalisierungstendenzen in Teilen der Fanszene sehr ernst, heißt es. Aber:
Zitat: "Die operative Ausgestaltung der einzelnen Spiele – einschließlich der Abläufe vor Ort (...) und Verantwortung gegenüber den Fans liegen jedoch in der Zuständigkeit der jeweiligen Vereine."
Rechtsextremismus habe im Fußball keinen Platz, schreibt der DFB uns noch. Die Verantwortung dafür schiebt er dann weiter an die Vereine.
Achim Pollmeier: "Energie Cottbus steigt jetzt übrigens auf in die zweite Liga, auch Essen könnte das noch schaffen. Ihre Fans nehmen sie mit."
Stand: 19.05.2026, 18:00 Uhr
3 Kommentare
Kommentar 3: Aga Bellwald schreibt am 21.05.2026, 22:54 Uhr :
Unglaublich, was da gerade vor sich geht. Diese ganze braune Meute sollte Stadionverbot bekommen. Müßte eigentlich doch klappen. Bei Hooligens geht's ja auch. All diese Verbotsschilder nützen doch einen feuchten Kehricht. Sind einfach zu lasch. So macht Fußball auf Dauer keinen Spaß mehr.
Kommentar 2: Sven schreibt am 21.05.2026, 22:38 Uhr :
Wieder einmal ideologischen Schattenboxen gegen Rechts. Gehe seit Jahren mit der Familie nach RWE und kann die von Ihnen festgestellte rechte Unterwanderung nicht feststellen, wohl mal wieder reine Erfindung. 2 rechte fahren im Auswärtsfahrerbus und was? Sie behaupten u.a. eine Unterwanderung weil 2 rechte unter tausenden in einem Fanbus mitfahren?
Antwort von Stefan P. , geschrieben am 22.05.2026, 16:31 Uhr :
2 Rechte unter Tausenden... trifft es nicht so ganz. Beim Spiel Osnabrück - RWE war die Quote schon eine deutlich andere. Von den Krawallen und Auseinandersetzungen mit der Polizei mal ganz zu schweigen.
Antwort von Peter , geschrieben am 22.05.2026, 16:55 Uhr :
Ich muss dir leider widersprechen. Als Gast werde ich manchmal mitgenommen zu besonderen Derbyspielen. Was ich sehe, sind einschlägige Tätowierungen und Kleidungsstücke aus der Szene. Ein Bekannter von mir, kennt die Gesichter genau. In einem bestimmten Bereich der Westkurve stehen stadtbekannte Nazis. Das ist einfach Fakt!
Kommentar 1: Gert Spötter schreibt am 21.05.2026, 19:01 Uhr :
Das gilt jetzt sicher nicht als "spannend" und "vielfältig" ?