MONITOR vom 26.06.2025 : Faules Volk: Arbeiten wir zu wenig?
Seit Monaten tobt in Deutschland eine Debatte über angeblich zu faule Deutsche, angeheizt vor allem aus den Reihen von CDU und CSU. Tenor: Wir müssen alle mehr und flexibler arbeiten, um den Wohlstand zu halten. Aber stimmt diese einfache Rechnung überhaupt? Oder geht es nicht vielmehr darum, Arbeitnehmerrechte einzuschränken – und die Vermögenden weiter zu schonen?
Von Jan Schmitt, Julia Regis, Selomé Abdulaziz
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Kommentieren [10]Georg Restle: "Sind wir Deutschen zu bequem geworden? Das könnte man glauben, wenn man in den letzten Wochen Politikern der Union zugehört hat. Das waren ziemlich harte Ansagen an die arbeitende Bevölkerung im Land. Zu faul, zu unflexibel, zu behäbig seien die Deutschen. Wenn der Wohlstand gesichert werden soll, müsse deutlich mehr gearbeitet werden. Mehr Überstunden, weniger Teilzeit – und auch die Rentner sollen stärker ran. Findet der Bundeskanzler, findet der CSU-Chef, findet der CDU-Generalsekretär. Und die Zahlen scheinen ihnen recht zu geben – scheinen. Denn wenn man sich die Statistiken mal genauer anschaut, stellt man ziemlich schnell fest, noch nie wurde in Deutschland so viel gearbeitet wie heute. Irgendwas stimmt da also nicht bei der ganzen Debatte. Jan Schmitt, Selomé Abdulaziz und Julia Regis."
Carsten Linnemann (CDU), Generalsekretär: "In Deutschland gibt es gar keine Leistungsbereitschaft mehr."
Markus Söder (CSU), Parteivorsitzender: "Zwei Tage Woche – ach – überfordert mich!"
Friedrich Merz (CDU), Bundeskanzler: "Leistung wird wieder im Vordergrund stehen, nicht Behäbigkeit, Bequemlichkeit, Faulheit."
Sind wir zu faul? Arbeiten wir zu wenig? Waren wir früher fleißiger? Brummt deshalb die Wirtschaft nicht mehr? Müssen wir wirklich mehr arbeiten? Beginnen wir mit einer Statistik, die gerade oft zitiert wird und eine riesige Debatte ausgelöst hat: Die OECD hat die Arbeitsstunden in verschiedenen Ländern gezählt. Danach liegt Deutschland im Vergleich ganz, ganz weit hinten, mit gerade mal 1.347 Arbeitsstunden pro Jahr und Arbeitnehmer. Sieht erstmal dramatisch aus – und die Union bezieht sich genau darauf:
Thorsten Frei (CDU), Chef des Bundeskanzleramts, 28.05.2025: "Wir arbeiten etwa 1.300 Stunden pro Kopf und Jahr – in praktisch allen anderen europäischen Ländern arbeitet man mehr."
Ist das wirklich so? Irgendwas kann daran nicht stimmen, denn die Zahlen zeigen, noch nie wurde bei uns so viel gearbeitet: 2024 wurden 61 Milliarden Stunden gearbeitet – Rekordniveau. Und es waren 46 Millionen Menschen erwerbstätig – mehr denn je. Was also sagen dann die OECD-Zahlen über die Arbeitsmoral der Deutschen? Wir schauen noch mal genauer hin. Und der Teufel steckt im Detail. Gezählt werden die durchschnittlichen Arbeitsstunden pro Kopf – Teilzeit oder Vollzeit egal. Das Absurde, würden alle Teilzeitarbeitnehmer einfach aufhören zu arbeiten – hätten wir insgesamt zwar weniger Arbeitsstunden, aber im Schnitt und pro Kopf mehr. Teilzeit zieht den Schnitt runter. Und in Deutschland arbeiten extrem viele Menschen in Teilzeit. Für den Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, ist das Ganze eine Scheindebatte.
Prof. Marcel Fratzscher, Präsident Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung: "Die Behauptung, dass Deutsche weniger denn je oder wenig arbeiten, ist einfach grundfalsch. Und die Statistiken, die herangeführt werden, sind manipulativ im schlechtesten Sinne, und im besten Sinne falsch."
Trotzdem fordert der Kanzler:
Friedrich Merz (CDU), Bundeskanzler, 13.05.2025: "Wir müssen in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten."
Aber wer genau soll da eigentlich mehr arbeiten? Geht's nach der Union, vor allem die Frauen.
Friedrich Merz (CDU), Bundeskanzler, 13.04.2025: "Wir müssen das Arbeitskräftepotenzial, das wir in Deutschland haben, besser ausschöpfen. Das sind Teilzeitbeschäftigte, das sind Frauen."
Allerdings hat sich schon ziemlich viel getan. 1970 waren 46 Prozent der Frauen berufstätig, 1991 57 Prozent und heute 74 Prozent – nur halt viele in Teilzeit. Also sind die Frauen schuld? Wir sind bei Familie Mecke. Maximilian Mecke arbeitet Vollzeit als Lokführer, Jennifer Mecke betreut neben der eigenen Tochter in Teilzeit Kinder und Jugendliche, 25 Stunden pro Woche. Könnte sie nicht noch was mehr arbeiten?
Jennifer Mecke: "Also ich würde auch mehr arbeiten gehen. Wir haben uns schon darüber unterhalten, dass ich auch theoretisch 30 Stunden arbeiten gehen könnte. Also Vollzeit würde nicht infrage kommen, einfach wegen seinen Arbeitszeiten und unserer Tochter und unserem Hund und unserem Haushalt."
Es ist ja kein Naturgesetz, aber Männer und Kindererziehung – das ist halt immer noch die Ausnahme – und nicht nur das. Knapp 5 Millionen Menschen werden zuhause gepflegt, vor allem von Frauen. Die übernehmen in Familien bei weitem die meiste Arbeit. Im Schnitt zusätzlich 29 Stunden unbezahlte Arbeit pro Woche. Und dazu noch 40 Stunden Erwerbsarbeit? Viele wollen oder können das eben nicht: Kinder abgeben, Pflegebedürftige ins Heim, Mütter an die Arbeit. Denn leider fehlen in Deutschland zurzeit mindestens 300.000 Kitaplätze. Und ein Pflegeheimplatz kostet Eigenanteil bis zu 3.000,- Euro pro Monat. Und auch finanziell lohnt sich das oft kaum. Denn würde Jennifer Mecke mehr arbeiten, hätte sie trotzdem kaum mehr Geld; wegen des Ehegattensplittings bei der Steuer.
Jennifer Mecke: "Es lohnt sich halt nicht, dass ich mehr arbeiten gehe. Wir sind Steuerklasse 3 und 5. Das heißt, wenn ich mehr arbeite, wird mir auch deutlich mehr abgezogen."
Und zwar fast zwei Drittel. Aber ans Ehegattensplitting will die Union nicht ran. Stattdessen, mehr arbeiten. Aber die Leute wollen ja nur vier Tage, sagt der Kanzler.
Friedrich Merz (CDU), Bundeskanzler, 13.05.2025: "Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand unseres Landes nicht erhalten können."
Seine Rechnung: Mehr Arbeit heißt mehr Produktivität, heißt mehr Wachstum. Ist die Vier-Tage-Woche also ein Angriff auf die Produktivität? Ist das irgendwo belegt? Nein, aber das Gegenteil! Universitäten in Boston, Dublin und Cambridge haben die 4-Tage-Woche bei 33 Unternehmen getestet. Und siehe da,
Zitat: "Der Umsatz stieg (…) im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 37,55 %."
Also weniger Arbeit gleich mehr Produktivität. Und nicht nur das:
Zitat: "Die Einstellungszahlen stiegen, die Abwesenheitsrate sank und die Kündigungen gingen leicht zurück."
Prof. Marcel Fratzscher, Präsident Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung: "Menschen, die deutlich mehr Stunden arbeiten oder arbeiten müssen, sind nicht unbedingt produktiver pro gearbeiteter Stunde, sondern ganz im Gegenteil werden weniger produktiv."
Aber irgendwas muss man ja machen. Auch schon wegen der Zukunft und der Demographie, also weniger Babys und so. Dafür hat die Regierung was auf Lager; Stichwort: Flexibilisierung.
Jens Spahn (CDU), Fraktionsvorsitzender: "So wie die Regelung heute ist mit den Tageshöchstarbeitszeiten ist es nicht so flexibel wie die moderne Arbeitswelt es braucht."
Also Arbeitszeitgesetz ändern, 8-Stunden-Tag abschaffen? Endlich die Freiheit, mehr zu arbeiten? Dabei kann man jetzt schon deutlich länger arbeiten – wenn es ausgeglichen wird. Wie bei Maximilian Mecke. Er hat als Lokführer 12-Stunden-Schichten. Und was hält er so davon?
Maximilian Mecke: "Ich hab keine Konzentration mehr, es ist sehr lange und das demotiviert meiner Meinung auch sehr, weil man sich irgendwann ausgelaugt einfach fühlt."
Nicht so toll, sinkende Konzentration als Lokführer. Und es zeigt, flexibel arbeiten geht auch bisher schon. Vor allem, wenn's der Arbeitgeber fordert. Und finanziell? Das würde sich doch immerhin lohnen, oder? Nicht wirklich.
Marcel Fratzscher, Präsident Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung: "Es gibt kaum ein Land, das Arbeit stärker besteuert und Vermögen gleichzeitig geringer besteuert als Deutschland in der ganzen Welt."
Vermögende sollen aber nicht stärker rangenommen werden. Zumindest wenn’s nach der Union geht. Aber eigentlich hätten gerade sie die Mittel, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln.
Marcel Fratzscher, Präsident Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung: "Es ist nicht nur eine Frage der Verteilung der Gerechtigkeit, sondern es ist auch eine Frage der Effizienz. Unser Steuersystem macht Arbeit unattraktiv. Und führt dazu, dass uns viel Wohlstand als Gesellschaft als Ganzes entgeht."
Vielleicht sollte es ja genau darum gehen. Die brachliegenden Ressourcen der Vermögenden nutzen und die Lasten gerechter verteilen. Statt auf die zu schimpfen, die heute schon mehr arbeiten als je zuvor.
Georg Restle: "Vielleicht geht es ja tatsächlich darum. Mehr Druck auf die arbeitende Bevölkerung, auch um zu verschleiern, dass die Vermögenden in diesem Land weitgehend verschont werden."
Stand: 27.06.2025, 16:00 Uhr
10 Kommentare
Kommentar 10: sdsa schreibt am 27.06.2025, 10:23 Uhr :
Interessante Frage! Ob wir wirklich zu faul sind? Vielleicht sollten wir eher über Work-Life-Balance reden, anstatt immer nur mehr Leistung zu fordern. Gesundheit ist auch wichtig!
Kommentar 8: Max schreibt am 27.06.2025, 09:51 Uhr :
Mein Bekannter hat 2 Kinder. Kitaplatz erst kaum zu bekommen. Als dann doch, tja, sie macht um 8 Uhr auf und um 14 Uhr zu. Seine Arbeitszeit geht von 7-16 Uhr plus Fahrzeiten. Ab und an sind Brückentage, da macht sie zu, ab und an hat sie Urlaub, ist also auch zu. So viel Urlaub kann er überhaupt nicht nehmen, wie nötig wäre. Das Ganze für 1/4 seines Lohns, denn das kostet ja. Wer arbeitet, wird nur bestraft. Von den Arbeitsbedingungen in vielen Bereichen ganz zu schweigen, die mit Würde nichts zu tun haben.
Kommentar 7: Jens Zimmermann schreibt am 27.06.2025, 02:36 Uhr :
Im Kapitalismus ist der Sinn des technischen Fortschritts nicht, uns die Arbeit abzunehmen, sondern die Akkumulation und Monopolisierung von Kapital zu steigern, um jene Entwicklungen zu ermöglichen, die in den anderen Beiträgen beschrieben werden.
Kommentar 6: Aga Bellwald schreibt am 26.06.2025, 22:53 Uhr :
Noch mehr Burnouts, noch mehr psychische Leiden, einzig, um diesen Wohlstandswahn aufrecht zu erhalten. Einen Wohlstand, von dem immer weniger etwas davon haben. Und natürlich sollen die Frauen erneut herhalten, gratis und immer einsatzbereit, die fürsoegliche Mutter, Ehefrau, billige Arbeitskraft. Auf welchem Planeten lebt denn der Fritze eigentlich!? Soll er doch das mal vormachen, was er sich von den angeblich so faulen Menschen erträumt. Bin gespannt, wie lange der das aushält.
Kommentar 5: Carl Pohlschmidt schreibt am 26.06.2025, 22:18 Uhr :
Ein sehr tendenziöser Bericht mit klarer ideologischer Ausrichtung und inhaltlich widersprüchlich. Für 9 Mrd. Euro im Jahr kann man mehr Qualität und Ausgewogenheit erwarten.
Kommentar 4: Moritz K schreibt am 26.06.2025, 22:18 Uhr :
Wieso verbreitet Monitor diesen Unsinn, dass wegen dem Ehegattensplitting sich mehr zu Arbeiten für die Ehefrau des Lokführers nicht lohnen würde? Ja, unterjährig sind die Steuern beim 3/5 Splitting für die geringer verdienende Person höher. Über den Jahressteuerlohnausgleich werden aber so oder so alle Einkommen zusammengerechnet und die darauf anfallende Einkommenssteuer berechnet. Entsprechend führt dies dann zu einer Steuerrückerstattung! Letztlich ist es daher völlig egal, welche Steuerklassen man wählt, über den Jahressteuerlohnausgleich wird das Einkommen gleich besteuert!
Kommentar 3: Daniel S schreibt am 26.06.2025, 22:16 Uhr :
Meine Güte, ich habe heute eure Sendung geschaut und glaube ich schreibe das erste Mal zu so einer Sendung etwas. Wie parteiisch und einseitig kann man im öffentlich/rechtlichen eigentlich noch sein. Es ist unangenehm - sie arbeiten mit öffentlichen Geldern, da muss schlicht mehr kommen und keine Meinungsmache.
Kommentar 2: Holm schreibt am 26.06.2025, 17:03 Uhr :
Faules Volk ? Vermögende schonen ? Was haben denn Vermögende damit zu tun ? Wenn ich vermögend, also reich bin, muß ich nicht arbeiten, dann kann ich es mir nett machen und das Leben genießen, das kann ich hier oder da oder da, wo es mir gefällt, ob es MONITOR gefällt oder nicht. Oder sollen wieder Mauern gezogen werden damit die Vermögenden nicht abhauen ?
Kommentar 1: Albers schreibt am 25.06.2025, 20:24 Uhr :
Welche auswirkungen hätte es denn wenn die fleißigen Deutschen weniger arbeiten würden ? Und weniger flexibel ? Natürlich bei vollem Lohnausgleich.