MONITOR vom 14.08.2025 : Crack, Elend, Gewalt: Deutsche Drogenpolitik gescheitert?
Drogenkonsum auf offener Straße, verwahrloste Plätze und immer mehr Verelendung. In deutschen Großstädten zeigt sich, wie drastisch die Auswirkungen von Drogen sind – auf Suchtkranke, Anwohnende und ganze Stadtviertel. Eine Situation, die immer weiter eskaliert, auch wegen der Droge Crack. Aber ist es wirklich nur Crack oder zeigt sich hier auch das Scheitern einer Drogenpolitik, die vor allem auf Repression statt Hilfsangebote setzt?
Von Julius Baumeister, Samira El Hattab
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Kommentieren [5]Georg Restle: "Vielleicht gehören Sie ja auch zu den Menschen, die sich in Ihrer eigenen Stadt zunehmend unwohler fühlen, weil immer mehr Drogenabhängige sich auf offener Straße einen Schuss setzen oder harte Drogen rauchen: in Parks, Hauseingängen oder U Bahn Stationen. Damit sind Sie nicht allein, wir haben uns mal in Köln umgehört."
Mann: "Egal wo man hinguckt, hier sind nur Obdachlose, die halt jegliche Art von Spritzen oder Substanzen zu sich nehmen, also fühlt man sich abends vor allem … vor allem abends, nicht so wohl."
Frau: "Obdachlose und Drogensüchtige, die gibt es halt überall. Irgendwo müssen sie ja hingehen, ne, also das wäre sonst … schrecklich ne, wenn man die verdrängt."
Zweiter Mann: "Man sieht, dass sie sich gegenseitig Spritzen geben oder halt Drogen verkaufen. Es ist nicht schön, wenn man gerade mit Kindern auch vorbeigeht, oder so was, ne. Nicht schön!"
Georg Restle: "Nicht schön! Was die einen als Bedrohung empfinden, ist für die anderen der tägliche Kampf ums Überleben. Ob in Köln, Berlin, Frankfurt oder Hamburg, in den Zentren deutscher Großstädte hat sich einiges verändert. Und das hat vor allem mit einer Droge zu tun, die so tückisch wie tödlich sein kann: Crack. Weltweit ist der Stoff auf dem Vormarsch; der aus Kokain hergestellt wird. Und auch in Europa gelangt immer mehr davon auf den Markt. Allein in den letzten acht Jahren hat sich die Menge von Kokain fast versechsfacht: Von gut 70 auf 419 Tonnen. Jetzt beherrscht die Droge auch das Bild in deutschen Großstädten. Und klar, da wird sofort der Ruf laut nach mehr Repression, nach mehr Druck auf Drogenabhängige. Im Kommunalwahlkampf in Nordrheinwestfalen spielt das Thema eine große Rolle: Mehr Polizei! „Nein zur Verwahrlosung“ fordert beispielsweise die Kölner CDU. Als ginge es nicht um Menschen, die krank sind; die Hilfe brauchen. Genau daran fehlt es nämlich in vielen Orten: An Betreuung, an Rückzugsräumen, an Hilfsangeboten. Die deutsche Drogenpolitik scheitert mal wieder; und das nicht nur an der Droge Crack. Julius Baumeister und Samira El Hattab.
Wir sind am Kölner Neumarkt – ein Zuhause für viele Menschen, die hier ihre Tage und Nächte auf der Straße verbringen. Und ein Ort, der krass sein soll – das hört man gerade überall. Aber wer sind diese Menschen und wer kümmert sich eigentlich um sie? Wir wollen mit ihnen reden – aber leicht ist das nicht. Viele wollen nicht vor die Kamera. Doch dann lernen wir Takan kennen; wir dürfen ihn begleiten. Takan kennt die Leute, die Drogen, die Dealer. Seit 30 Jahren ist er Heroinabhängig, der Neumarkt sein Ort. Doch seit gut eineinhalb Jahren habe sich etwas verändert, die Menschen seien anders.
Takan: "Die verlieren Hemmungen. Manche knallen hier durch, die sind ja voll aggro. Ich weiß, wenn ich in zehn Minuten was brauche, dann habe ich in diesen zehn Minuten bestimmt … ja, fünf Schlägereien."
All das liege auch an einer Droge, von der hier auf der Straße jetzt alle reden – Crack. Der Stoff macht extrem abhängig, der Rausch so kurz, dass Konsumenten ständig auf der Suche sind nach mehr. Das verändert Menschen – und Städte. Daniel Deimel ist Suchtforscher und beobachtet die Ausbreitung von Crack seit vielen Jahren.
Daniel Deimel, Suchtforscher, Technische Hochschule Nürnberg: "Wir sehen hier eine so schnelle Dynamik, die atemberaubend ist. Auch für langjährig erfahrene Menschen im Suchtbereich, dass sie ja … einfach im Zeitraffer zusehen können, wie die Verelendung zunimmt bei diesen Menschen.”
Die Ausbreitung von Crack ist ein Stresstest für die deutsche Drogenpolitik, die auf dem Vier-Säulen-Prinzip basiert. Prävention – Beratung und Behandlung – Schadensminimierung – Repression. Vier Säulen, aber viele Kommunen setzen besonders auf Repression. In Köln sieht das so aus: Die Stadt hat extra einen Sondertrupp eingeführt. So will man für Ordnung sorgen, die Bürger beruhigen. Polizei, Kölner Verkehrsbetriebe und Ordnungsamt sind ein Team; ein Ziel: Drogenkonsum verhindern und bestrafen. Jeden Tag finden Kontrollen hier statt – diesmal sind wir dabei.
Polizist: "Ja, bitte einmal die Pfeife aus, Hände aus den Taschen. Das ist einer der Gründe, weswegen wir den Stress haben. Weil Leute wie Sie, hier in der Ecke auf einem Parkplatz Drogen konsumieren, ja."
Yannick Runde, Einsatzleiter Polizei Köln: "Die Betäubungsmittel werden auch sichergestellt, eine Anzeige durch uns schreiben wir natürlich. Das geht dann zum Kriminalkommissariat und dann schauen wir, was draus wird.”
Einsätze, ununterbrochen – auch an den Hotspots der Szene. 15- bis 20-mal pro Tag rücken Yannick Runde und seine Kollegen aus, verteilen Platzverweis um Platzverweis, Anzeige um Anzeige.
Yannick Runde, Einsatzleiter Polizei Köln: "Dann gehe sie rein, alle gehen in die Nebenstraßen, ja genau.
Reporter: Und das machen Sie 20-mal am Tag?"
Yannick Runde, Einsatzleiter Polizei Köln: "Genau!"
Verdrängung, jeden Tag, von einem Platz zum nächsten. Nur, was bringt das eigentlich? Und wo sollen die Menschen hin? Wir fragen den Kölner Polizeipräsidenten Johannes Hermanns.
Johannes Hermanns, Polizeipräsident Köln: "Im Moment ist das so, dass unsere Kollegen täglich gerufen werden und bekämpfen Symptome, ohne dass wir wirklich sagen können, wo sie denn hin sollen. Also ich muss meinen Kollegen ja auch Hilfestellungen anbieten, wo wir Menschen, die Hilfe brauchen – und ist bei den schwerst Abhängigen so, wo wir die hinschicken können … Dann schaffen wir es auch nicht, dass unsere jungen Kollegen, die draußen auf der Straße sind, sich nur noch als Reparaturbetrieb verstehen."
Symptombekämpfung – Reparaturbetrieb. Was so eine repressive Drogenpolitik für die Konsumenten bedeutet, verstehen wir an einem Sonntagnachmittag. Mitten auf dem Neumarkt treffen wir Takan. Er versucht ein bisschen zu essen, kriegt aber kaum etwas runter. Takan ist entzügig – seit mehr als 24 Stunden habe er kein Heroin konsumiert. Für einen Schuss habe er sein letztes Geld ausgegeben, erzählt er uns.
Takan: "Das wäre jetzt 15,- Euro."
15,- Euro, die ihn jetzt durch die nächsten Stunden bringen sollen.
Takan: "Zwei Minuten, ich bin in zwei Minuten wieder bei euch, ne. Bis gleich!"
Wir warten, aber Takan kommt nicht wieder. Aus zwei Minuten werden 20 – dann treffen wir ihn in einer Seitenstraße. Takan sagt, die Polizei habe ihm sein Heroin abgenommen, bevor er es sich spritzen konnte.
Takan: "Die wissen nicht, was da für Kraft dahintergesteckt hat."
Reporter: "Und die nehmen das auch direkt ab oder was, ja?"
Takan: "Ja, musste ich vor denen – kann ich dir zeigen – vor denen in den Becher reingeben. Dann haben sie in Ruhe gelassen, noch nicht mal Ausweiskontrolle, nichts. Einfach, ja, weiter. Schönen Tag noch. Ich habe keine Kraft mehr!"
Repression statt Hilfe? Die Kölner Polizeitruppe kostet viel Geld. Geld das anderswo fehlt, vor allem bei der Betreuung von Suchtkranken. Auch Takan berichtet uns davon. Zum Konsumieren geht er oft in Drogenkonsumraum der Stadt, damit er sich den Schuss nicht auf offener Straße setzen muss. Doch der Konsumraum hat sonntags zu. Was sagt der Polizeipräsident dazu?
Johannes Hermanns, Polizeipräsident Köln: "An die Konsumenten kann man nur appellieren, tatsächlich die Drogenkonsumräume aufzusuchen und dann die Hilfen anzunehmen, die angeboten werden."
Reporter: "Gestern war Sonntag, sonntags hat er geschlossen."
Johannes Hermanns, Polizeipräsident Köln: "Das ist ein Angebot, was dann besser ausgeweitet wurde."
Aber nicht nur sonntags – auch nachts haben Konsumräume vielerorts geschlossen – die Städte verweisen auf fehlendes Geld und Personal. Wie wichtig solche Drogenkonsumräume sind, zeigen uns Michael Harbaum und Christine Kaisers. Sie leiten einen Drogenkonsumraum in Düsseldorf.
Christine Kaisers, Düsseldorfer Drogenhilfe e. V.: "Klientinnen kommen hier in den Konsumraum rein, melden sich bei meiner Kollegin Nicole an, mit dem was sie konsumieren wollen. Die müssen auch einmal die Droge vorzeigen; dass sie was dabei haben und auch nicht zu viel dabei haben."
Konsum unter medizinischer Aufsicht, mit sauberem Besteck, um Infektionen zu vermeiden. Immer wieder hören wir eine Kritik daran. So erleichtere man Menschen den Zugang zu harten, illegalen Drogen.
Michael Harbaum, Düsseldorfer Drogenhilfe e. V.: "Wir machen ja hier keinen Raum für Menschen, die mal Heroin ausprobieren wollen, sondern wir arbeiten nur mit Schwerstabhängigen, häufig langjährig schwerstabhängigen Menschen. Insofern achten wir darauf, dass die Menschen beim Konsum keinen weiteren Schaden nehmen – die sind ja eh schon häufig sehr krank, mehrfach krank – und das ist nicht die Beschaffung einer Gelegenheit zum Einstieg in Drogenkonsum."
Konsumräume sollen auch ein Ort sein, um mit suchtkranken Menschen in Kontakt zu kommen, ihnen Hilfe anzubieten, wenn sie das möchten. Wichtig, sagen Fachleute; aber in nur acht von 16 Bundesländer gibt es überhaupt Drogenkonsumräume. Ob es welche gibt, entscheiden die Länder. Bayern zum Beispiel will keine. Und den bestehenden Hilfsangeboten fehlt staatliche Unterstützung. Rund 75 Prozent aller Suchthilfeeinrichtungen in Deutschland sind unterfinanziert. In Köln ist Harald Rau verantwortlich, wenn es um die Drogenpolitik der Stadt geht. Er ist seit neun Jahren Gesundheitsdezernent. Was ist denn sein Plan?
Harald Rau, Gesundheitsdezernent Stadt Köln: "Es war mir und etlichen Fachleuten schon seit einigen Jahren klar, dass Crack auch in Köln ankommen würde. Und jetzt kommt der sicherlich etwas unbefriedigende Teil, alle diese Maßnahmen, die kosten Geld. Und wenn der Gesundheitsdezernent neue teure Angebote schaffen möchte, muss er dafür werben, dass irgendjemand dieses Geld bezahlt."
Kein Geld für Angebote, die wirklich helfen könnten? Hier in Köln kann oder will man sie offenbar nicht finanzieren. Wir fragen beim zuständigen Ministerium in NRW nach. Das sagt:
Zitat: "Suchthilfe und -prävention sind kommunale Aufgaben."
Das Land zahle "Pauschalen" für die "Unterstützung der Kommunen". Aber werden diese erhöht? Darauf bekommen wir keine konkrete Antwort. Zu wenig Geld für Betreuung; stattdessen viel Geld für Polizeieinsätze?
Daniel Deimel, Suchtforscher, Technische Hochschule Nürnberg: "Man muss gegenhalten, dass die gesamte Repression wahnsinnig viel Geld kostet, also wieviel Polizei hier gebunden wird, wieviel Ordnungsdienst. Suchthilfe kostet Geld, ja. Aber wir müssen uns das leisten, weil es komplett alternativlos ist."
Alternativlos auch für Menschen wie Takan. Damit sie sich nicht auf der Straße ihren Schuss setzen müssen; damit sie medizinisch versorgt werden, damit sie Hilfe bekommen.
Georg Restle: "Wenn Sie mehr zum Thema wissen wollen, wir haben eine längere Fassung dieses Films auf unserem MONITOR-YouTube-Kanal gestellt, schauen Sie gerne rein!"
Stand: 15.08.2025, 15:00 Uhr
5 Kommentare
Kommentar 5: Albers schreibt am 15.08.2025, 13:17 Uhr :
Es gibt viele Bürger denen ist es egal wie es im Viertel, in der Stadt, in der Kita, in der Schule, im Altenheim, im Park usw., usw. aussieht. Man sieht es an den Wahlergebnissen.
Kommentar 4: KölnShopper schreibt am 15.08.2025, 07:10 Uhr :
Vergleicht man diesen Beitrag mit anderen Beiträgen der Lokalzeit Köln (ebenfalls WDR) zum Neumarkt, dann stellt man fest, dass die Kollegen von der Lokalzeit näher an der Realität dran sind, da sie die Beeinträchtigungen auf die Anwohner, Geschäftsleute und Besucher durch die Süchtigen besser erfassen. Was ist das für ein Zustand, dass Schulkinder auf dem Schulweg an dieser Szene mit Drogenschwerstverbrechern vorbei müssen? Für mich gibt es zu diesem Thema nur eine einzige sinnvolle Ausgabe von Steuergeld: Stellt die Dealer! Zeigen sie doch mal die pompösen Lebensverhältnisse der Dealer, die von Konsum zu Konsum den Tod ausliefern!
Kommentar 3: Andreas Stücker schreibt am 15.08.2025, 05:28 Uhr :
Ein interessanter Bericht und was man alles für die Drogensüchtigen anstellt. Hier mal die Frage: jeder Mensch ist in erster Linie für sich verantwortlich! Die Gemeinschaft zahlt hier für Leute, die aich selbst Drogen verabreichen. Jeder weiss wie gefährlich das ist und abhängig das macht. Wer es dennoch versucht hat auch die Folgen zu tragen!
Kommentar 2: Carolachristiane schreibt am 14.08.2025, 22:27 Uhr :
Crack ist eine verbotene, illegale Droge und in einem Rechtsstaat werden illegale Handlungen, wie z.B. der Verkauf von illegalen Drogen, konsequent unterbunden und bestraft. Wir leben doch in einem Rechtstaat ?
Antwort von Aga Bellwald , geschrieben am 15.08.2025, 12:24 Uhr :
Menschen mit Drogenproblemen sind SUCHTKRANK. Menschen mit einem Alkoholproblem sind ebenfalls suchtkrank. Und beiden Gruppen muß geholfen werden. Und sie nicht kriminalisieren. Die Drogenpolitik ist auf der gesmten Linie gescheitert. "Wer am lautesten schreit (nach Verboten und Strafen), verdient das meiste Geld". Keith Richards.
Kommentar 1: Franziska 1 schreibt am 14.08.2025, 21:54 Uhr :
Der Spritzenbaum in Kreuzberg Berlin zeigt wie das Elend der Drogensüchtigen ausschaut. Da wurde der Stamm mit angeblich 50 Spritzen dekoriert. Der Platz zeigt die Drogengewalt der Verendung, am Boden liegen die Verpackungen rum. Kinder begehen diesen Platz, die Politik was macht sie dagegen? Hilfe vom Berlin könnte anders für Drogensüchtige sein, als das was es anbietet. Was bedeutet Hilfe für sie? Spritzen, Drogen ihnen zukommen lassen und was noch? Den Dreck am Boden bleibt liegen nur die Spritzen vom Baum werden entsorgt? Die Politik ist wirklich am scheitern, wann kommt zurück das alte Cannabis - Gesetz was verhindern sollte, dass der Einstieg zu harten Drogen den Weg findet. Nicht nur viele Alkoholtrinker landen bei der Alkoholsucht, auch die Konsumenten denen Cannabis nicht mehr reicht. Es ist ein Drama in Deutschland wegen Drogen, wo die Politik es schleifend auf die leichte Schulter nimmt.