MONITOR vom 21.05.2026 : Alte Versprechen im neuen Gewand: Die Rückkehr der Atom-Debatte
In der Debatte um die aktuelle Energiekrise werden Rufe nach der Rückkehr zur Atomkraft auch in Deutschland wieder lauter. Insbesondere Unionspolitiker fordern Investitionen in neuartige Kraftwerke als ideale Ergänzung für das deutsche Stromsystem. Können neuartige (Mini-)Kernkraftwerke wirklich sicheren, sauberen und billigen Strom erzeugen? Fachleute warnen vor der Euphorie. Zumal aus dem Versprechen einer atomtechnischen Revolution schon häufiger ein Milliardengrab wurde.
Von Lutz Polanz, Selome Abdulaziz
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Kommentieren [8]Achim Pollmeier: "Wie also raus aus der Energiekrise? Eigentlich ist völlig klar, dass Deutschland dafür – wo immer es geht – auf Strom umstellen müsste, erneuerbaren Strom. Eine aktuelle Analyse zeigt, dass der Ausbau von Wind und Solar in Europa allein in den letzten zwei Jahren die Großhandelspreise um 24 Prozent gesenkt hat – knapp ein Viertel. Die Bundesregierung und vor allem Wirtschaftsministerin Reiche gehen eher den umgekehrten Weg. Den Ausbau der Erneuerbaren will sie verlangsamen. Gerade hat der Expertenrat für Klimafragen der Regierung bescheinigt, alle Klimaziele zu verfehlen und zuvor hatte schon das Bundeskartellamt Reiches Kraftwerksgesetz gerügt, weil sie Gaskraftwerke unnötig bevorzuge. Also Klimaschutz vertagt? Für den bringen Reiche und andere Unionspolitiker gerne etwas anderes ins Spiel. Atomkraftwerke – aber jetzt ganz neu: Mit Minireaktoren. Sauber, sicher, sorgenfrei – so das Versprechen. Das ist allerdings nicht ganz neu bei der Kernenergie. Lutz Polanz und Selome Abdulaziz haben sich das angeschaut."
Eigentlich war die Debatte um die Atomkraft schon so gut wie tot. Doch jetzt wird sie tatkräftig wiederbelebt.
Ursula von der Leyen (CDU), EU-Kommissionspräsidentin, 10.03.2026 (Übersetzung MONITOR): "Es war ein strategischer Fehler für Europa, einer zuverlässigen und bezahlbaren Quelle für emissionsarmen Strom den Rücken zu kehren."
Es geht vor allem um MINI-AKW, sogenannte SMR – small modular reactors. Der neue atomare Hype.
Katherina Reiche (CDU), Bundeswirtschafts- und Energieministerin, 13.02.2026 (Übersetzung MONITOR): "SMRs können zu einem resilienten, dezentralen und CO2-armen Energiesystem beitragen. Das muss unsere Gesellschaft lernen."
Große Versprechen in die Atomkraft gab es schon immer. Darum beginnen wir mit einer Zeitreise und treffen Horst Blume in Hamm-Uentrop. Dort gab es vor 50 Jahren große Hoffnung beim Bau eines ganz neuartigen Atomkraftwerks.
Horst Blume, Bürgerinitiative Umweltschutz Hamm: "Also in den Medien – insbesondere Zeitungen und Fernsehen – wurde dieses Projekt hochgelobt, euphorisch begrüßt als technische Innovation, es wäre gut für die Bevölkerung."
Der Atomreaktor in Hamm-Uentrop. 1971 begannen die Arbeiten. Ein Prototyp, der die ganze Region versorgen und eine technische Revolution einläuten sollte.
Prof. Rudolf Schulten, Kernphysiker, 15.06.1974: "Ich nehme an, dass der Hochtemperaturreaktor vor allen Dingen in den 80er Jahren eine ganz wesentliche Komponente unserer Energiewirtschaft sein wird. Es sind nicht nur die ausgezeichneten Sicherheitseigenschaften hier zu nennen."
16 Jahre dauerte es, bis der Reaktor schließlich ans Netz ging.
Reporter (1974): "Der Hochtemperaturreaktor also, eine Garantie für preiswerte Energieversorgung und eine Absicherung gegenüber einer möglichen Rohstoffverknappung. Das ist heute keine Zukunftsvision mehr."
Preiswert und sicher? Nichts davon ging in Erfüllung. Gerade mal 423 Tage lief der Reaktor. Nach etlichen Störfällen war 1989 Schluss. Sechsmal so teuer wie geplant und zu drei Vierteln aus Steuermitteln bezahlt. Ein Milliardengrab. Das war damals. Jetzt wollen Unionspolitiker einen neuen Anlauf nehmen, Markus Söder möchte in Bayern sogar ein Versuchskraftwerk bauen.
Markus Söder (CSU), Ministerpräsident Bayern, 11.02.2025: "Kleine Reaktoren in der Nähe, um den Strombedarf auf Dauer sicherzustellen. Wir in Bayern können damit helfen. Das wäre eine Blaupause, die wir in Deutschland angehen können."
Kleine AKW als CO2-arme Ergänzung in der Energiewende. Preiswert und sicher. Das ist die Idee. Einzelne Reaktormodule sollen in Serie hergestellt und flexibel kombiniert werden können. Aber Mini sind die Kraftwerke dann nicht – eher fabrikgroße Anlagen. Es gibt erste Versuchsreaktoren in Russland und in China. Ein Vorzeigeprojekt in den USA wurde wegen der immensen Kosten von mehr als 9 Milliarden Dollar bereits wieder eingestellt. Aber wie teuer werden die neuen Reaktoren dann? Beantworten lässt sich die Frage nicht. Aber ob klein oder groß, Atomprojekte laufen regelmäßig aus dem Ruder. Im finnischen Olkiluoto etwa: Bauzeit 17 Jahre, die Kosten dreimal so hoch wie geplant: 11 Milliarden Euro. Im französischen Flamanville: ebenfalls 17 Jahre Bauzeit. Die Kosten schossen laut Rechnungshof durch die Decke: auf 23,7 Milliarden Euro. Und im britischen Hinkley Point baut man seit 2017. Dort sollen die Kosten inzwischen bei 55 Milliarden Euro liegen. Lange Genehmigungs- und Bauzeiten, Kostenexplosion. Das wirkt sich auch auf die Strompreise aus. Laut einer Studie des Fraunhofer Instituts liegen die Kosten für Strom aus Solarparks zwischen 4 und 7 Cent die Kilowattstunde, für Windstrom an Land bei 4 bis 9 Cent. Bei neuen Atomkraftwerken sind es dagegen zwischen 14 und 49 Cent. Und auch mit Mini-Reaktoren bliebe Atomstrom deutlich teurer, sagt Alexander Wimmers von der TU Berlin. Er ist einer der Autoren des weltweiten Monitoring-Berichts zur Kernkraft.
Alexander Wimmers, Forschungsbereich Atomkernenergie, TU Berlin: "Die Atomenergie ist und bleibt eine der teuersten Energieerzeugungsformen, die es gibt. Einfach weil es extrem komplexe Anlagen sind. Und selbst wenn wir bei PV und Wind konservative Schätzungen annehmen und die Stromgestehungskosten verdoppeln, sind die Stromgestehungskosten von Kernkraftwerken immer noch deutlich, deutlich höher."
Aber die MINI-AKW sollen doch in Serie aus der Fabrik kommen? Das könnte die Anlagen tatsächlich billiger machen. Aber es funktioniert nur, wenn sie in sehr großen Stückzahlen gebaut werden, erklärt Kernenergie-Expertin Friederike Frieß.
Friederike Frieß, Expertin Kerntechnik, BOKU Universität Wien: "Grundsätzlich ist jedes Mini-AKW pro Leistung, pro installierter Leistung, teurer als ein großes AKW. Wenn man wirklich in den Bereich kommen will, dass es zu versprochenen Kostensenkungen durch Serienfertigung kommt, braucht man vermutlich mehrere Hunderte Mini-AKW vom gleichen Typ."
Hunderte Mini-AKW? Was bedeutet das für die Sicherheit, auch vor Sabotage? Die Reaktoren sollen zwar über die neueste Sicherheitstechnik verfügen – und auch die Menge an radioaktiven Substanzen ist kleiner – aber das atomare Risiko bleibe trotzdem.
Alexander Wimmers, Forschungsbereich Atomkernenergie, TU Berlin: "Wenn irgendetwas schiefgeht, können sie alles vergessen. Und das setzt dann eben auch in diesen neuen Reaktoren möglicherweise passive, neuartige Sicherheitssysteme voraus. Es könnte funktionieren, aber wir wissen es noch nicht."
Während Energieministerin Reiche und andere aus der Union kleine AKW für eine vielversprechende Sache halten, ist man im SPD-geführten Umweltministerium strikt dagegen.
Jochen Flasbarth (SPD), Staatssekretär Bundesumweltministerium: "SMRs sind teuer in der Entwicklung, sie sind teuer in der Verantwortung am Ende für den Steuerzahler, und sie sind genauso gefährlich wie herkömmliche Atomkraftwerke, und sie produzieren am Ende auch Atommüll."
Laut Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung müssten in Deutschland etliche Mini-AKW gebaut werden, um überhaupt nennenswerte Strommengen zu produzieren. Das würde unterm Strich auch sehr viel Atommüll bedeuten. Wo dieser Müll am Ende hin soll und was das kostet, ist nach wie vor völlig ungeklärt. Im Moment existieren in Deutschland nur Zwischenlager, wie dieses in Ahaus. Hier lagert übrigens auch der Atommüll aus Hamm-Uentrop – dem Milliardengrab, das seit Jahrzehnten keinen Strom mehr liefert. Kaum bemerkt, rollen hier weitere gewaltige Kosten auf die Allgemeinheit zu. Denn die Betreibergesellschaft, die für Sicherheit und Rückbau des Pleite-Reaktors verantwortlich ist, hat Insolvenz angemeldet. Eine Milliarde Euro kostet es, um die Atomanlage in Zukunft zu sichern und endlich zu beseitigen. Eine Milliarde, die am Ende wieder der Steuerzahler begleichen muss.
Achim Pollmeier: "Ein teurer Irrtum. Und für die Entwicklung der neuen Mini-AKW hat die EU jetzt 200 Millionen Euro bereitgestellt. Auch Steuergelder."
Stand: 21.05.2026, 22:15 Uhr
8 Kommentare
Kommentar 8: Wilfried schreibt am 22.05.2026, 13:59 Uhr :
Ganz tolle Vorschläge! Und der Atommüll kommt dann in die Wohnorte der Befürworter?
Kommentar 7: Uwe Heim schreibt am 22.05.2026, 13:39 Uhr :
Wenn man ein Urteil abgeben möchte, sollte man sich die drei Störfälle (Ja es waren drei) einmal genauer ansehen. 1979 Harrisburg, Pennsylvania. VENTILVERSAGEN. 1986 Tschernobyl Kernschmelze dutrch Fehlbedienung. 2011 Fukuschima faksch geplanter Standort. Bei heutigen Kraftwerken, mit viel höheren Sicherheitsstanstard, ist sowas nicht möglich. Über diese Kraftwerke würde niemand mehr diskutieren wenn man nicht auf die dusselige Idee gekommen wäre die heimischen Energien auch abzuschaffen. Die Grünen und ihre Anhänger haben die physikalischen Grundlagen nicht verstanden. Es kommt ja doch eines Tages heraus was wirklich hinter diesen Narrativen gesteckt hat.
Kommentar 6: Schmidt schreibt am 22.05.2026, 11:25 Uhr :
Dieser Kommentar wurde gesperrt, weil er sich nicht auf das Thema der Diskussion bezieht. (die Redaktion)
Kommentar 5: K. schreibt am 22.05.2026, 10:43 Uhr :
Dieser Kommentar wurde gesperrt, weil er sich nicht auf das Thema der Diskussion bezieht. (die Redaktion)
Kommentar 3: Aga Bellwald schreibt am 21.05.2026, 22:47 Uhr :
Ob Mini- oder Maxireaktoren: Nach zwei Katastrophen - Tschornobyl und Fukushima - sollte es eigentlich klar sein, daß diese Technologie nicht mehr infrage kommen sollte. In der Schweiz geistert sogar die Idee herum, daß die Uralt-AKWs insgesamt 80 Jahre laufen sollten. Wie bekloppt ist das denn? Endlager? Immer noch Fehlanzeige. Allen Atomkraftfans je ein paar Castörchen voller hoch radioaktiver Abfälle im Garten vergraben. Fragt sich nur, wie lange sie davon begeistert sein werden.
Kommentar 2: HeSchla schreibt am 21.05.2026, 22:15 Uhr :
Warum werden bei den Herstellungskosten von grünem Strom bewust falsche Zahlen genannt! Warum wird behauptet das bei neuen Atomkraftwerken Atommüll anfällt! Es gibt längst Atomkraftwerke bei denen die Brennstäbe bis auf null verbraucht werden. Bei Früheren Atomkraftwerken fällt nur deshalb Atommüll an weil man da auch Kernwaffenfähiges Plutonium erzeugen wollte. Außer dem kann man die Kosten die Heute für den Rückbau anfallen nicht den Betreibern aufbrummen das ist alleine Sache der Regierung und der Steuerzahler. Die haben schließlich den Atomausstig beschlossen. Die Anlagen hätten eigentlich noch Jahrzehnte laufen können.
Kommentar 1: Gert Spötter schreibt am 21.05.2026, 19:04 Uhr :
Unsere "besten Freunde", die Franzosen, haben mehrere Atommeiler direkt an "unserer" Grenze stehen. Saugefährlich, oder ? Und ? Was haben unsere Regierungen der letzten Jahrzehnte dagegen unternommen ? Nix ? Weil ?