MONITOR am 26.03.2026 : Skandale ohne Wirkung: Was zeigen die AfD-Erfolge im Westen?
Bei den letzten Landtagswahlen erzielte die AfD auch im Westen Rekordergebnisse – trotz Vorwürfen der Vetternwirtschaft, engen Verbindungen in die rechtsextreme Szene und einem Programm, das einem Großteil der AfD-Wählenden laut Fachleuten kaum nutzt. Warum spielt all das bei der Wahlentscheidung der Menschen offenbar keine Rolle und was bedeutet das für die Zukunft der Demokratie in Deutschland?
Von Julia Regis, Andreas Maus
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Kommentieren [108]Georg Restle: "Jubel bei der AfD in Rheinland-Pfalz am letzten Sonntag; Jubel bei der AfD zwei Wochen davor, auch in Baden-Württemberg. Und eine AfD-Vorsitzende, die vor Kraft kaum noch laufen kann:
Alice Weidel: "Dementsprechend werden wir genauso weitermachen, so dass wir dann bei den nächsten Wahlen auch mit in der Regierung sitzen."
Georg Restle: "Eine rechtsextreme Partei, die an die Regierung kommt - das hatten wir in Deutschland zuletzt 1933. Hallo und willkommen bei MONITOR!
Ja, die AfD im Höhenflug. Eine Partei, der offenbar nichts etwas anhaben kann; weder der völkische Nationalismus eines Björn Höcke noch die engen Verbindungen in das rechtsextreme Milieu eines Martin Sellner, dem Sprachrohr einer neofaschistischen Bewegung. Und ja, auch der Skandal um Vetternwirtschaft, in den - laut Medienberichten - auch AfD Spitzenkandidat Markus Frohnmaier verstrickt war, scheint an dieser Partei abzuperlen. Fast scheint es so, als würde all das die AfD sogar noch stärker machen. Und auch, dass ausgerechnet Arbeiter und Niedrigverdiener zur AfD überlaufen, die von dieser Partei so gut wie nichts zu gewinnen haben, mag viele wundern. Aber so absurd wie das alles klingt, ist es keineswegs. Denn der Erfolg rechtsextremer Parteien oder faschistischer Bewegungen folgte schon immer ganz anderen Regeln. Julia Regis und Andreas Maus."
Deutschland 2024: In einer der größten Protestwellen die das Land je erlebt hat, gehen Menschen in Massen auf die Straßen: gegen die AfD, gegen Rechtsextremismus. Nur zwei Jahre später, die AfD feiert ihre besten Wahlergebnisse im Westen jemals: In Rheinland-Pfalz 19,5 Prozent und über 18 Prozent in Baden-Württemberg. Dabei hat sich die Partei über die Jahre immer weiter radikalisiert - auch MONITOR hat darüber immer wieder berichtet.
2013 - „Grenzt sich die AfD wirklich von Rechtsaußen ab?“
2014 - Björn Höcke, AfD: "Überwiegend junge Menschen (...) die sich Sorgen machen um eine unkontrollierte Einwanderung."
2015 - Markus Frohnmaier, AfD: "Wenn wir kommen (…) dann wird ausgemistet."
2016 - Demonstranten rufen: "Wir wollen keine Asylantenheime!"
2017 – „Veranstaltungen mit Rechtsextremen. Vor einem Jahr noch hat die AfD ihren Mitgliedern das verboten - das ist offenbar passé.“
2018 - Björn Höcke, AfD: "Holen wir uns unser Land zurück!"
„Chemnitz, letzten Samstag: Rechtsextreme und AfD Seite an Seite.“
2019 – „Der Flügel" greift nach der Macht“.
2022 – “Die Partei radikalisiert sich weiter.“
2023 - Irmhild Boßdorf, AfD: "Die Lösung lautet Remigration, millionenfache Remigration."
Demonstranten rufen: „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen.“
2026 – Markus Frohnmaier, AfD: "Abschieben, abschieben, abschieben, bis die Startbahn glüht!"
Sagt Markus Frohnmaier, der AfD-Spitzenkandidat in Baden-Württemberg 2026. Die Radikalität, die engen Verbindungen zu rechtsextremen Strukturen, all das ändert am zunehmenden Erfolg der Partei offenbar nichts. Und auch Skandale, die mitten im Wahlkampf bekannt werden, können der Partei offenbar nichts anhaben.
Fernsehmoderator: "Seit Tagen erscheinen Berichte, die den Vorwurf der "Vetternwirtschaft" und der Selbstbedienung erheben."
Was andere Parteien wohl deutlich Stimmen gekostet hätte, geht an der AfD offenbar spurlos vorbei. Spielt all das für die AfD-Wählenden keine Rolle? In Westerburg im Norden von Rheinland-Pfalz versuchen wir darauf Antworten zu bekommen. Am Tag vor der Landtagswahl. Der AfD-Kreisverband hat zum Heringsessen eingeladen. Rein dürfen wir nicht, der Wirt wolle das nicht, es wäre auch zu voll. Also versuchen wir draußen mit Menschen ins Gespräch zu kommen.
Reporterin: "Dieser sogenannte Vetternwirtschafts-Skandal oder diese gegenseitige …"
Georg Kehm: "Das hatten die anderen Parteien ja auch alle."
Reporterin: "Und dass die AfD ja damit angetreten ist zu sagen, wir sind anders, wir machen sowas nicht."
Georg Kehm: "Ich weiß nicht, ob sie das gesagt haben, dass sie das anders machen."
Reporterin: "Die extrem rechten Einstellungen in der Partei, das stört sie nicht?"
2. Mann: "Nee, das stört mich nicht, ne."
Reporterin: "Wieso nicht?"
2. Mann: "Wie, wieso nicht, was ist das für eine Frage, das stört mich nicht."
Reporterin: "Haben Sie kein Problem mit?"
2. Mann: "Nee, nee."
Und dann gibt es auch solche Stimmen:
Carsten Fuchs: "Wir brauchen wirklich ein Gegengewicht, SPD ist kein Gegengewicht, SPD ist keine Arbeitnehmerpartei mehr."
Die AfD als Hoffnungsträgerin für Arbeiter und Arbeiterinnen? Das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung hat 2025 die Parteiprogramme untersucht: Die AfD würde demnach Geringverdienende am wenigsten entlasten, Gutverdienende dagegen würden von den AfD-Plänen am stärksten profitieren. Und dennoch haben besonders viele Arbeiter und Geringverdienende die AfD gewählt. Gegen ihre eigenen Interessen?
Prof. Matthias Quent, Soziologe, Ernst-Abbe-Hochschule Jena: "Die AfD wird nicht für ein rationales, politisches Programm gewählt, sie wird dafür gewählt, dass sie die Irrationalität präferiert, also dass sie die Fesseln der Realität, der Komplexität der Wirklichkeit sprengt, so wie Donald Trump das tut."
Eine immer radikalere Partei, die unabhängig von ihrem Programm und trotz aller Skandale gewählt wird - ganz nach dem Vorbild von Trump und seiner MAGA-Bewegung? Wie schafft die AfD das? Im Wahlkampf zeichnet die Partei vor allem ein düsteres Bild von Deutschland:
Alice Weidel (YouTube/AfD TV), 22.01.2026: "Ich frage mich, wie kann man sowas zulassen? Hier rutscht alles ab!"
Björn Höcke (YouTube/Björn Höcke), 28.02.2026: "Wer Gelb wählt, wer Grün wählt, wer Schwarz wählt, wer Rot wählt, der wählt das Finis Germaniae, das Ende Deutschlands."
Markus Frohnmaier (phoenix), 18.02.2026: "Und dann bleibt doch nur eine Wahl: Die Wahl der AfD."
Deutschland am Abgrund, die Partei als einzige Rettung aus der Ohnmacht, eine Erzählung, die an faschistische Bewegungen erinnere, sagt der Soziologe Matthias Quent.
Prof. Matthias Quent, Soziologe, Ernst-Abbe-Hochschule Jena: "Die Verherrlichung der Ohnmacht ist ein zentrales Mittel dieser Bewegung. Das heißt, es wird dem Einzelnen eingeredet, ihr könnt sowieso nichts tun, außer uns zu unterstützen, und dass letztlich nur eine starke Partei, ein starker Führer, eine starke Bewegung die Erlösung schaffen können."
Eine Erzählung, die die AfD millionenfach verbreitet, lawinenartig. In den sozialen Medien, auf ihren eigenen Kanälen, gepuscht von Algorithmen. Jahr für Jahr in den Talkshows, und immer wieder in den Nachrichten.
Prof. Beate Küpper, Sozialpsychologin, Hochschule Niederrhein: "Genauso funktioniert Gewöhnung, indem ich etwas immer wieder höre. Das können wir ganz gut beobachten: bei dem Stichwort der Remigration. Vor zwei Jahren hat das noch viele Menschen sehr geschockt und auf die Straße zu den großen Demonstrationen getrieben. Inzwischen haben sich ja viele dran gewöhnt, es geht ganz flüssig über die Lippen."
Normalisierung - auch durch bröckelnde Brandmauern. Im Europaparlament stimmen sich Konservative eng mit AfD-Politikern ab. Im Bundestag brachte die Union 2025 ihren Antrag zur Migrationspolitik nur mit den Stimmen der AfD durch. Auch das trage entscheidend zum Erfolg der AfD bei - und mehr noch, es befördere deren Radikalisierung sagt die Sozialpsychologin Beate Küpper.
Prof. Beate Küpper, Sozialpsychologin, Hochschule Niederrhein: "Wenn man also zumindest in Teilen mit der äußersten Rechten zusammenarbeitet, oder ihre Themen übernimmt, dann ist das das Signal, da ist ja was dran, an diesen Positionen, dann kann man ja auch das Original wählen und dann muss aber die AfD, um noch aufzufallen, noch einen draufsetzen. Das heißt, so fördert man Schritt für Schritt eine weitere Radikalisierung."
Die neue Stärke der AfD, auch weil demokratische Kräfte geschwächt werden. Markranstädt in Sachsen. 2024 waren wir schon einmal hier, als auch in der ostdeutschen Kleinstadt gegen die AfD protestiert wurde. David Heidler war einer der Organisatoren, wurde von Rechtsextremen deshalb bedroht. Trotzdem waren sie damals voller Hoffnung. Und heute? Ist die AfD stärker als je zuvor. Bei der Bundestagswahl holte sie hier 36 Prozent. Ein Erfolg, auch weil man es Menschen wie David Heidler immer schwerer macht? Er ist enttäuscht; auch von Lokalpolitikern hier, denen es vor allem um das Image des Ortes gehe.
David Heidler: "Wenn man das thematisiert, ist man der Störenfried, der der Markranstädter Hegemonie. Ne, also hier ist alles schön und wenn ich hingehe und sage, hey, passt auf, wir haben hier eine Gefahr durch Rechtsextremismus, ist nicht der Rechtsextremismus die Gefahr, sondern ich, weil ich das thematisiere."
Ausgrenzung von Menschen, die sich gegen die AfD und Rechtsextremismus engagieren. Auch aus der Bundespolitik müssen diese Menschen offenbar mit weniger Rückendeckung rechnen. Die Bundesfamilienministerin Karin Prien will die Demokratieförderung umbauen. Viele Demokratieprojekte fürchten jetzt um ihre Zukunft. Prien sagt, sie sehe Vielfalt nicht als staatliches Förderziel.
Prof. Beate Küpper, Sozialpsychologin, Hochschule Niederrhein: "Das Entziehen von Vertrauen für diejenigen, die sich aktiv für die Demokratie engagieren, ist ein fatales Signal, gerade für den großen Graubereich. Wir haben rund ein Fünftel der Menschen, die sind nicht rechtsextrem eingestellt, die sind aber auch nicht klar demokratisch eingestellt. Und das ist dann ein Signal, dass Demokratieengagement auch nicht so richtig in Ordnung ist, wenn eben die Politik nicht zeigt, auf wessen Seite sie steht."
Wenn die Demokratiebewegung geschwächt werde, stärke auch das den Zulauf zur AfD. Und trotzdem gibt es auch in den AfD-Hochburgen Menschen, die nicht aufgeben wollen. Menschen wie David Heidler in Sachsen oder Jenny Marek und Nico Feldmann in Sachsen-Anhalt, wo die nächsten Landtagswahlen anstehen. Sie unterstützen seit vielen Jahren Geflüchtete und Menschen in Not, engagieren sich für Demokratie und Vielfalt. Weil sie immer noch überzeugt sind, dass es sich lohnt.
Jenny Marek: "… dass wenn es drauf ankommt, Menschen doch irgendwie zusammenkommen und sagen, so geht es nicht. Und wir vielleicht auch ein bisschen Mut geben, zu sagen, wenn wir uns trauen, vielleicht traut sich meine Nachbarin auch. Wir sind nicht wenig und wir sind noch da, also ja."
Georg Restle: "Es gibt ja Menschen, die auch uns immer wieder vorwerfen, wir hätten die AfD durch unsere Berichterstattung erst stark gemacht. Menschen, die offenbar meinen, durch das Verschweigen einer Gefahr würde sie schon von selbst verschwinden. Keine Sorge: Monitor wird diese Partei auch künftig sehr genau im Blick behalten."
108 Kommentare
Kommentar 108: Anonym schreibt am 21.04.2026, 08:03 Uhr :
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Kommentar 57: Anonym schreibt am 12.04.2026, 09:49 Uhr :
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