Das Bild zeigt einen Bäcker bei der Arbeit am Tisch.

MONITOR am 26.03.2026 Deutschlands Abschiebeoffensive: Unternehmen als Leidtragende

Die Bundesregierung hat ihre Asylpolitik in den letzten Monaten weiter verschärft. Doch während Innenminister Dobrindt stolz steigende Abschiebezahlen verkündet, verlieren Unternehmen wichtige Mitarbeiter. Fachleute schlagen Alarm: Gefährdet die Abschiebeoffensive den Aufschwung?

Von Herbert Kordes, Greta Stangner

Kommentieren

Bericht:

Georg Restle: "Wenn man sich anschauen will, wie gefährlich die Politik der AfD auch für den Wirtschaftsstandort Deutschland ist, muss man nur auf das Thema Zuwanderung schauen: Geht es nach der AfD, sollten Millionen Zugewanderte ohne deutschen Pass dieses Land so schnell wie möglich wieder verlassen. Selbst solche, die hier einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz haben. "

Alice Weidel (AfD), Parteivorsitzende, 22.01.2026: "Wir werden ernst machen, diese Menschen, die hier nichts verloren haben, die werden wir abschieben. Die haben hier nichts verloren. Sie haben in unserem Land nichts verloren!"

Georg Restle: "Alle raus und kaum noch jemand rein. Dabei ist es keine ganz neue Erkenntnis, dass wir auf Zuwanderung dringend angewiesen sind - trotz steigender Arbeitslosenzahlen. Laut Berechnungen von Wirtschaftsinstituten brauchen wir jährlich 400.000 Menschen, auch um den Bedarf da zu decken, wo Arbeitgeber längst keine deutschen Arbeitskräfte mehr finden. Aber jetzt soll praktisch jeder abgeschoben werden, den man irgendwie erwischen kann. Abschiebe-Offensive heißt das bei der CSU - und da klingt das dann so.

Markus Söder (CSU), Bayerischer Ministerpräsident, 18.02.2026: "Daher braucht es Rückführungen, Abschiebungen für alle ohne Duldung, ohne Arbeit. Bei Straftätern ganz besonders und natürlich auch nach Syrien, Afghanistan."

Was Markus Söder nicht sagt, von dieser Abschiebeoffensive sind immer mehr Menschen betroffen, die hier einen regulären Arbeitsplatz haben - und immer mehr Arbeitgeber fragen sich jetzt, wo ihre Mitarbeiter eigentlich geblieben sind - und wer da künftig den Job machen soll? Herbert Kordes und Greta Stangner.

Dieser Mann hat gerade mehr Zeit hat, als ihm lieb ist: Francis Emeka aus Nigeria. 2016 floh er vor der Gewalt in seiner Heimat nach Deutschland und hat zehn Jahre lang hier gearbeitet - als Bäcker. Plötzlich darf er das nicht mehr, denn seine Duldung wurde nicht verlängert. Sein Chef, Simon Polz, steht unterdessen seit dem frühen Morgen in der Backstube und hat Stress, denn die bestellten Backwaren müssen trotzdem rechtzeitig fertig sein.

Simon Polz, Bäckermeister: "Francis ist für uns enorm wichtig, enorm fleißig. Wir haben einfach unseren Backzettel und der muss abgearbeitet werden. Und wenn ein Mann weniger da ist, dann kommst du schon wieder ins Schwimmen."

90 Leute arbeiten hier - aus 14 Nationen. Und Simon Polz ist froh um jeden Einzelnen. Viele Deutsche wollen diesen Job wegen der nächtlichen Arbeitszeiten nicht mehr machen, sagt Polz. Die Bundesagentur für Arbeit sucht allein in Bayern zurzeit rund 400 Bäckerinnen und Bäcker. Doch Francis Emeka ist wegen seines Arbeitsverbotes zum Nichtstun verdonnert.

Francis Emeka: "Ich mag gar nicht zu Hause, ich lese nur, spiele mit meinem Handy manchmal. Ich kann nicht schlafen, ich denke die ganze Nacht, den ganzen Tag. Ich möchte meinen Job zurückhaben!"

Doch daraus wird nichts: Denn das Arbeitsverbot war nur der erste Schritt nach dem Entzug der Duldung. Wenige Tage nachdem wir diese Bilder aufgenommen haben, wird Francis Emeka nach Nigeria abgeschoben. Die zuständige Ausländerbehörde schreibt, dass "keine Duldungsgründe mehr vorliegen", weil Francis Emeka seine Gesellenprüfung nicht bestanden habe. Simon Polz kann das nicht fassen. Die Gesellenprüfung war vor sechs Jahren, und:

Simon Polz: "Francis hat den praktischen Teil bestanden, aber den theoretischen nicht, weil in Nigeria gibt es keine Sozialkunde, oder was. Aber er macht die Arbeit einfach von A bis Z."

Doch zudem - schreibt die Ausländerbehörde - sei Francis Emeka "mehrfach strafrechtlich in Erscheinung getreten" und wurde rechtskräftig verurteilt. Ein Straftäter? Was hatte er gemacht? Laut Staatsanwaltschaft hatte er vor acht Jahren einmal kein S-Bahn-Ticket. Er wollte weglaufen, es kam zu einer Rangelei, niemand kam zu Schaden. 2022 hatte er keinen Pass und im selben Jahr wurde er mit knapp zwei Gramm Haschisch erwischt; das ist heute nicht mal mehr strafbar. Bagatelldelikte, geringe Geldstrafen, lange her. Ist das gemeint mit "Straftäter abschieben"? Kristina Polz führt die Bäckerei zusammen mit ihrem Mann Simon. Sie findet das alles völlig überzogen.

Kristina Polz, Bäckerei Polz: "Also unter Straftäter verstehen wir Menschen, die anderen Menschen Schlimmes antun oder die berauben oder wie auch immer. Aber ganz bestimmt nicht sowas."

Warum also werden Menschen abgeschoben, obwohl sie hier ihr eigenes Geld verdienen und dringend als Arbeitskraft gebraucht werden? Immerhin hatte CSU-Chef Markus Söder noch Anfang des Jahres versprochen:

Markus Söder, (CSU). Ministerpräsident Bayern, 06.01.2026: "Wir haben unheimlich viele Leute, die hier arbeiten und gut arbeiten - und die wollen wir auch alle behalten. Deswegen ist für mich auf Dauer klar, wer hier arbeitet und einen Arbeitsplatz hat, der hat eine große Zukunft in unserem Land."

Doch was ist dieses Versprechen wert? Das deutsche Recht ist strikt: Es gibt im Grunde zwei Spuren ins Land - entweder man kommt als Asylbewerber oder als Zuwanderer mit Visum, etwa als Fachkraft. Als Asylbewerber die Spur zu wechseln, ist fast unmöglich. Und ein Gesetz zum vereinfachten Spurwechsel hat die Regierung Anfang des Jahres nicht verlängert. Heißt: Abschiebung trotz Arbeit.

Lea Rosenberg "Der Paritätische" Hessen: "Die Regeln sagen: Wer nach Deutschland einreisen will, kein Freizügigkeitsrecht hat, der muss mit dem richtigen Ticket kommen. Das richtige Ticket ist das Visum. Und wenn ich das nicht gezogen habe - in dem Fall bei meiner Flucht - bin trotzdem in Deutschland angekommen, dann ist die Idee: ,Dann reise bitte wieder aus, zieh den richtigen Fahrschein, das richtige Visum und dann darfst du wiederkommen.‘"

Dieser Mann versucht das gerade: Abdoulie Saidy hat jahrelang als Dachdecker in Deutschland gearbeitet - trotzdem drohte auch ihm die Abschiebung. Also reiste er freiwillig nach Gambia aus, um sich ein Ausbildungsvisum zu besorgen. Anfang März erreichen wir ihn, da wartet er bereits seit Monaten auf einen Termin.

Abdoulie Saidy: "Ich soll dieses Visum nachholen, denn ich bin hier seit September. Ich habe keine Antworten bekommen. Und dann ich habe auch keinen Termin bekommen. Ich weiß nicht, was ist los mit Deutschland? Die haben mir vorher gesagt, das dauert nicht lange."

Lea Rosenberg "Der Paritätische" Hessen: "Bei manchen Botschaften, deutschen Botschaften im Ausland haben sie Wartezeiten von einem Jahr und mehr, bis sie überhaupt mal einen Visumsantrag stellen können, und dann haben sie das Visum noch längst nicht in der Hand. Das ist in jedem Fall mit einem Risiko behaftet."

Ein Risiko, auch für die Arbeitgeber: Johannes Moser ist Personalleiter eines großen Handelsunternehmens im Allgäu und hat Abdoulie Saidy eine Ausbildungsstelle als Lagerist angeboten. Am 1. Januar sollte es eigentlich losgehen - aber jetzt ist er immer noch in Gambia. Moser versteht es nicht.

Johannes Moser, Personalchef Georg Jos. Kaes GmbH: "Es wird darüber gesprochen, wir gehen den Fachkräftemangel an, aber eben nicht in dem Maße, wie es die Unternehmen sich wünschen. Und es gibt Menschen, die einfach hier sind, die arbeiten wollen, die auch in unserem Unternehmen und in anderen Unternehmen ihre Aufgabe und Stelle gefunden haben. Lassen Sie sie einfach da, das wäre mein Wunsch an die Politik. Und geben Sie diesen Menschen die Chance, hier gesellschaftlich sich einzubinden und ihren Teil dazu beizutragen."

Es ist ein Appell an die Politik, den Spurwechsel zu erleichtern. Doch die hat offenbar Angst, damit Fluchtanreize - so genannte "Pullfaktoren" - zu schaffen. Aber ist das so? Nach Auswertung internationaler Daten kommt der Arbeitsmarktforscher Herbert Brücker zu einem anderen Ergebnis:

Prof. Herbert Brücker, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: "Wir beobachten in unseren empirischen Studien, dass so was wie ein Spurwechsel - und darum geht es ja, dass man das Asylsystem verlässt und dann einen normalen Aufenthaltstitel bekommt - keinerlei Auswirkungen auf die Zahl der Asylanträge hat. Und darum ist die ganze Argumentation mit den Pulleffekten im Prinzip ein Mythos."

Aber vielleicht geht es ja auch nur darum, Zahlen präsentieren zu können für die so genannte Abschiebeoffensive. Auch wenn es der Wirtschaft schadet, vielen Arbeitgebern und Menschen, die hier nur arbeiten wollen. So, wie Abdoulie Saidy. Er wartet nach sechs Monaten noch immer auf sein Ausbildungsvisum von der Deutschen Botschaft. Und Francis Emeka - der Bäcker aus der Nähe von München - er hängt erstmal in Nigeria fest. Völlig unklar, ob er jemals nach Deutschland zurückkommen kann.

Startseite Monitor

Kommentare zum Thema

Kommentar schreiben

Unsere Netiquette

*Pflichtfelder

Die Kommentartexte sind auf 1.000 Zeichen beschränkt!

Noch keine Kommentare