Das Bild zeigt zwei Fleischarbeiter von hinten.

MONITOR am 21.04.2026 Ausbeutung in der Fleischindustrie: "Sie behandeln uns wie Sklaven"

Die deutsche Fleischindustrie benötigt immer wieder Nachschub an billigen Arbeitskräften – inzwischen kommen die Menschen auch aus Indien, China oder Vietnam. Die Betroffenen zahlen dafür oft tausende Euro an Vermittlungsagenturen, müssen sich für den Traum vom Job in Europa hoch verschulden. Doch die Arbeitsbedingungen hier sind hart, die Bezahlung niedrig und wer krank wird kann den Job verlieren und überschuldet auf der Straße landen. MONITOR-Recherchen zeigen, wie die Armut der Menschen systematisch ausgenutzt wird – mit Hilfe von Grauzonen im deutschen Gesetz.

Von Julius Baumeister, Luc Oeppert

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Achim Pollmeier: "Trotzdem suchen viele Unternehmen weiter nach Arbeitskräften aus dem Ausland - vor allem Fachkräfte. Da denkt man erst mal an Forscher, Ingenieurinnen oder Pfleger. Dachten wir auch, bis wir diese Bewerbungsvideos gesehen haben:

Bewerbungsvideos: "Ich bin …, Metzger aus Indien." - "Ich bin …, Metzger aus Indien." - "Ich bin …, Metzger aus Indien."

Ja, das sind Videos, die uns geschickt wurden, weil man uns für Arbeitgeber in der deutschen Fleischindustrie hielt. Monatelang haben wir in der Branche recherchiert. Die ist ja schon öfter in Verruf geraten, weil ausländische Arbeitskräfte systematisch ausgebeutet wurden. Immer wurde Besserung versprochen, Gesetze wurden verschärft. Inzwischen ist es der Fleischindustrie zum Beispiel verboten, die ausländischen Arbeitskräfte als Leiharbeiter auszubeuten. Also beutet man sie nicht mehr als Leiharbeiter aus, sondern hat neue Wege gefunden, diese Menschen so zu beschäftigen, dass wir immer noch ein schönes Stück Billigfleisch auf dem Teller haben können. Luc Oeppert und Julius Baumeister."

4:00 Uhr morgens in Ostwestfalen, Schichtbeginn für diese jungen Männer, sie wollen nicht erkannt werden. Erst vor wenigen Monaten sind sie aus Indien gekommen, jetzt fahren sie in die Fleischfabrik. Angekommen bei einem der größten Fleischkonzerne Europas: Westfleisch. Wie üblich in der Branche, arbeiten hier fast nur Menschen aus dem Ausland. Seit vielen Jahren gibt es kaum Nachschub auf dem deutschen Arbeitsmarkt - nicht für eine Industrie, die wegen der Ausbeutung ihrer Arbeiter schon öfter in die Kritik geraten ist. Und heute? In der Gruppe der indischen Männer fehlt an diesem Arbeitstag einer. Der Jüngste ist in der Unterkunft geblieben, auch er will unerkannt bleiben, wir nennen ihn Mohit. Kurze Zeit nach Mohits Ankunft in Deutschland - der Arbeit in der Fabrik - bekommt er einen Hautausschlag, wird sogar im Krankenhaus behandelt.

Mohit (Übersetzung MONITOR): "Ich habe meinem Vorgesetzten von meinem Ausschlag erzählt, aber er hat gesagt, dass ich am nächsten Tag unbedingt zur Arbeit kommen solle."

Weil sich sein Zustand nicht bessert, geht er nicht zur Arbeit und wird sofort gefeuert. Noch in der Probezeit verliert er seinen Job und damit auch sein Bett in der Unterkunft, die Westfleisch seinen Arbeitern stellt. Was sagt Westfleisch dazu? Vor der Kamera redet man nicht mit uns, antwortet schriftlich.

Zitat: "In Einzelfällen musste in der Vergangenheit mangels passender Ersatzbeschäftigungen (...) auch die Zusammenarbeit mit Mitarbeitenden beendet werden."

Ein Einzelfall? In Beckum suchen inzwischen regelmäßig indische, junge Männer Hilfe bei Sozialarbeitern - ihnen allen wurde gekündigt.

Arbeiter (Übersetzung MONITOR): "Wir haben zwei Wochen bekommen, um die Wohnung zu verlassen. Man muss dann mit Fremden draußen auf der Straße schlafen. Man hat keine andere Wahl. Sie behandeln uns wie Maschinen, die sie sich bestellt haben. Sie behandeln uns wie Sklaven."

Der Traum von Europa scheint nun ein Albtraum - einer mit einem Schuldenberg.

Arbeiter (Übersetzung MONITOR): "Es war mein Traum nach Europa zu kommen, meine Familie hat ihr ganzes Gold verkauft."

Mit dem Geld haben sie Vermittlungsagenturen bezahlt. Ein System, mit dem immer mehr Arbeitskräfte - etwa aus Indien, China oder Vietnam - geholt werden. Für die Vermittlung nach Europa kassieren die Agenturen nach unseren Recherchen rund 10.000,- Euro. Ein Schuldenberg, der in Deutschland abgestottert werden muss, mit einem Stundenlohn von 14,50 Euro. Heißt in Vollzeit: 2.320,- Euro brutto, macht rund 1.700,- Euro netto. Die Kosten für Unterkunft und Transport werden direkt vom Arbeitgeber einbehalten. Am Ende bleiben so knapp 1.300,- Euro, zum Leben, für die Unterstützung der Familien in der Heimat. Die Vermittlungsgebühr abzubezahlen kann Jahre dauern. Genutzt wird dafür das deutsche Aufenthaltsgesetz. Das ermöglicht es Arbeitgebern, Fachkräfte aus allen Teilen der Welt zu holen, solange sie eine akademische Qualifikation haben. In den Pässen der indischen Männer wird die Tätigkeit als Fleischer bei Westfleisch direkt eingetragen. In Deutschland angekommen, werden die vermeintlichen Fachkräfte dann nur als Hilfsarbeiter bezahlt - rechtlich ein Graubereich. Westfleisch betont auf Anfrage, alle gesetzlichen Bestimmungen einzuhalten. In Ostwestfalen sind wir mit Peter Kossen verabredet. Der Pfarrer setzt sich seit Jahren für Arbeiter in der Fleischbranche ein.

Peter Kossen, Pfarrer, Initiative "Aktion Würde und Gerechtigkeit":"Früher war die Fleischindustrie bis in die Anfang der 90er Jahre dafür bekannt, dass sie die Leute gut bezahlt hat, richtig gut bezahlt hat. Durch die Öffnung des Europäischen Ostens zunächst dann konnte man Arbeiter generieren. Mitarbeiter, die das für einen Bruchteil taten, und das war so konkurrenzlos billig. Wir sehen jetzt auch seit kurzem, seit ein paar Monaten, dass man eben Menschen aus Drittstaaten anwirbt. Also da versucht man, mit einer alten Masche neue Gruppen dafür irgendwie gewinnen zu können."

Wir wollen mehr über dieses System erfahren. Wer bringt die Menschen nach Deutschland - in die Abhängigkeit? Während unserer Recherche erzählen uns etliche Arbeiter immer wieder von dieser chinesisch-stämmigen Vermittlerin.

Yanan S.: "Wir bringen ausländische Fachkräfte und Auszubildende nach Deutschland. Wir kümmern uns um die Gesamtorganisation."

Laut Website hat Yanan S. namhafte Kunden. Wir treten undercover in Kontakt und stellen uns als Fleischer vor, schreiben, dass wir dringend Mitarbeiter suchen. Yanan S. lädt uns zu einem Video-Kennenlernen einige Tage später ein.

Yanan S.: "Also Westfleisch ist einer unser großen Kunden. Sie bestellen immer so 20, 30, 40 … Das heißt, Sie haben überhaupt kein Risiko."

Und Yanan S. spricht mit uns auch offen darüber, wie wir die Arbeitskräfte wieder loswerden.

Yanan S.: "Sie können während der Probezeit oder nach der Probezeit kündigen, das ist kein Problem. Sie als Arbeitgeber haben damit nichts zu tun. Und genau, das ist dann fertig. Gekündigt ist gekündigt."

Gekündigt ist gekündigt, kein Risiko für die Arbeitgeber, keine Verantwortung für die Menschen, die für uns arbeiten sollen. Und dann noch ein Sonderangebot per E-Mail.

Zitat: "PS: Wenn Sie drei Mitarbeiter einstellen, zahlen Sie die Vermittlungsgebühr nur für zwei - der dritte ist für Sie kostenlos."

Später geben wir uns als Journalisten zu erkennen. Yanan S. widerspricht den Darstellungen der Arbeit.

Yanan S.: "Die GG&C GmbH distanziert sich ausdrücklich von überhöhten oder intransparenten Gebühren und setzt sich für faire Bedingungen ein."

Ziel der Vermittlungen sei eine

Zitat: "Win-win-Situation für alle Beteiligten."

Was sagt Westfleisch dazu? Die Zusammenarbeit mit der Agentur von Yanan S. sei beendet worden. Mitarbeitern, die "Opfer (...) der überzogenen ‘Gebühren’" wurden, sichert man nun finanzielle Unterstützung zu. Und: man setze mittlerweile

Zitat: "(...) auf eigene Recruiting-Maßnahmen. In Vietnam sind wir aktuell dabei, eine eigene Struktur mit Mitarbeitenden von Westfleisch vor Ort aufzubauen."

Westfleisch Vietnam! Läuft es dort besser? Fair, ohne Vermittler, schnelle Visa-Vergabe für eine Chance in Europa. Wirklich? Wir bekommen eine geheime Liste zugespielt, sie wurde offenbar von Westfleisch selbst angefertigt. Darauf stehen Namen vietnamesischer Arbeiter, die für den Job bei Westfleisch tausende Euros zahlten und auch, wer das Geld erhalten hat. Dabei fällt uns der Name einer Mitarbeiterin von Westfleisch Vietnam auf - hier im Bild ganz links - gemeinsam mit dem deutschen Personalleiter. Sie soll laut Liste mehrere tausend Euro von vietnamesischen Bewerbern für die Organisation erhalten haben. Macht Westfleisch also hier sogar selbst Geschäft als Vermittler? Ähnlich wie dubiose Agenturen, von denen man sich auf Anfrage noch distanzierte? In diesem alten Landhotel leben vietnamesische Arbeiter von Westfleisch - auch sie hoch verschuldet. An wen haben diese Männer Geld gezahlt?

Reporter: "Kennt er die Frau auf der Liste mit den Leuten, die Geld für die Gebühr bekommen haben?"

Vietnamesischer Arbeiter (Übersetzung MONITOR): "Ja, klar, sie arbeitet in der Buchhaltung. Ich kenne ihr Gesicht nicht, aber ihr Name steht auf meiner Quittung."

Mann: "In der Buchhaltung arbeitet sie jetzt."

Eine hochrangige Mitarbeiterin von Westfleisch Vietnam kassiert Tausende Euro, um Menschen nach Europa zu schaffen? Auf Anfrage bestätigt Westfleisch, zeitweise Vermittlungspauschalen erhoben zu haben, Diese hätten aber auch unter anderem Sprachkurse beinhaltet. Die Pauschalen hätten eine "angemessene und vertretbare Höhe" gehabt. Den Arbeitern hilft das nicht. Und am Ende will offenbar wieder niemand so richtig verantwortlich sein, nicht für die Hilflosigkeit der Menschen, nicht für das Geschäft der Agenturen und auch nicht für ein System, das im Kampf um möglichst billige Arbeitskräfte immer neue Wege findet.

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1 Kommentar

  • 1 M.H. 21.04.2026, 22:12 Uhr

    Zur Sendung vom 21.04.26 Skandal in der fleischindustrie bei westfleisch: Ein Stundenlohn von 14,50 € würde ich mir wünschen. Ich bin deutsche Staatsbürgerin habe eine kaufmännische Ausbildung und werde zum Mindestlohn bezahlt. Dass sind keine 14,50€. Ich habe sechs Jahre mit befristeten Verträgen gearbeitet.