Sandra Maischberger und die Gäste der Sendung im Studio

Faktencheck zu "maischberger" vom 19.05.2026

Von Tim Berressem

Wirtschaftswissenschaftlerin Veronika Grimm äußerte sich in der Sendung zur Zukunft des deutschen Arbeitsmarkts. Angesichts des demografischen Wandels warnte sie davor, dass das Arbeitsvolumen und somit das wirtschaftliche Wachstum in den nächsten Jahren massiv absinken werde, wenn die Politik nicht gegensteuert. Die konkreten Zahlen schauen wir uns hier genauer an.

Alternde Gesellschaft: Wie sehr leidet der deutsche Arbeitsmarkt?

00:55 Min. Verfügbar bis 20.05.2027

Grimm: "Ich glaube, es ist schon notwendig was zu tun. Einfach deshalb, weil ja das Arbeitsvolumen in den kommenden Jahren massiv absinkt durch den Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge, also der Babyboomer-Generation. Und es gehört zur Wahrheit, wenn man sich das ökonomisch anguckt – man kann berechnen, was macht das aus mit Blick auf das Wachstumspotenzial –, dass dieser Effekt nicht kompensiert werden kann, wenn man eigentlich fast alle Karten zieht, die man in der Hand hat: Mehr Zuwanderung, mehr Erwerbsbeteiligung, mehr Erwerbsbeteiligung von Rentnern. Diesen Effekt wird man nicht komplett konterkarieren können. Das heißt, es wird immer noch ein negativer Beitrag zum Wachstum bleiben. (…) Es muss insgesamt das Arbeitsvolumen steigen. Das kann man auf verschiedene Wege tun. Man kann die Zuwanderung stärken. Man kann die Erwerbsbeteiligung stärken. Man kann die Anreize tatsächlich zu partizipieren stärken. Und dann wird mehr gearbeitet."

Hintergrund: Wie entwickelt sich das Arbeitsvolumen in der alternden Gesellschaft?

Dass die Bevölkerung in Deutschland immer älter wird, ist eine Entwicklung, die seit Jahrzehnten zu beobachten ist. Lag das Durchschnittsalter hierzulande im Jahr 1990 noch bei 39,3 Jahren, ist es bis 2024 auf 44,9 Jahre angestiegen. Das belegen aktuelle Daten des Statistischen Bundesamts. Die Zahl der 65-Jährigen und Älteren ist seit 1990 von 11,9 Millionen auf 19,0 Millionen im Jahr 2024 gestiegen.

Gleichzeitig sinkt die Geburtenrate. 2024 kamen in Deutschland pro Frau durchschnittlich 1,35 Kinder zur Welt, was einem Rückgang von zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Die Gesamtzahl der Geburten erreichte im Jahr 2025 sogar einen absoluten Negativrekord. Mit rund 654.300 neugeborenen Kindern sank die Geburtenzahl demnach auf den niedrigsten Stand seit 1946.

Alternde Gesellschaft stellt Wirtschaft vor Herausforderungen

Für den Arbeitsmarkt hat dieser demografische Wandel weitreichende Konsequenzen: Während immer mehr Menschen altersbedingt aus dem Job ausscheiden, kommen immer weniger junge Arbeitskräfte nach. Experten warnen deshalb schon lange vor negativen Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum. Die zentrale Frage: Wie soll der Wohlstand in Deutschland erhalten bleiben, wenn immer weniger Menschen arbeiten?

So forderte unser Studiogast Veronika Grimm in der Sendung: "Es muss insgesamt das Arbeitsvolumen steigen." Was bedeutet das genau?

Arbeitsvolumen seit zwei Jahren rückläufig

Unter dem Begriff des Arbeitsvolumens verstehen Fachleute die Anzahl aller pro Jahr geleisteten Arbeitsstunden in einem Land. Es ist eine zentrale volkswirtschaftliche Kennzahl, die im Gegensatz zur reinen Anzahl der Erwerbstätigen das tatsächliche Ausmaß der geleisteten Arbeit widerspiegelt.

Betrachtet man die statistische Entwicklung, fällt auf, dass das Arbeitsvolumen hierzulande in den letzten Jahren zunächst gestiegen ist. Nachdem der Wert im Corona-Jahr 2020 deutlich eingebrochen war, erholte sich der Arbeitsmarkt in den Folgejahren zunehmend. Schon 2023 verzeichnete man einen neuen Höchststand von 61,66 Milliarden geleisteten Arbeitsstunden. Laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) war das der zweithöchste Wert seit Beginn der gesamtdeutschen Arbeitszeiterfassung im Jahr 1991.

Doch 2024 war das Arbeitsvolumen erstmals seit Corona wieder rückläufig. Es sank um 0,1 Prozent auf 61,37 Milliarden Stunden. 2025 bestätigte sich der Trend: Mit 61,26 Milliarden geleisteten Arbeitsstunden schrumpfte der Wert noch einmal um 0,2 Prozent. Fragt man Experten, könnte sich diese Abwärtsentwicklung in den nächsten Jahren noch verschärfen. "Die Zeit der Rekorde ist vorbei", sagt Enzo Weber, Leiter des IAB-Forschungsbereichs Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen.

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat berechnet, dass das reine Arbeitskräftepotenzial in Deutschland – also die Zahl der erwerbsfähigen Menschen – bis 2040 um rund 3 Millionen Menschen abnehmen wird. Gleichzeitig wird die Gesamtbevölkerung laut dieser Prognose um 2,3 Prozent auf etwa 85 Millionen Einwohner wachsen.

Dass jetzt die Politik gefordert ist, um dieses Ungleichgewicht abzufedern, darüber besteht weitgehende Einigkeit. Aber wie?

Welche Maßnahmen könnten helfen?

Diskutiert werden derzeit verschiedene Maßnahmen, mit denen das Arbeitsvolumen möglichst langfristig stabilisiert werden soll. So plädieren viele Experten dafür, die Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland einfacher und attraktiver zu gestalten. Auch eine Anhebung des Renteneintrittsalters wird diskutiert, sowie Modelle, die eine Erwerbstätigkeit über die Altersgrenze hinaus ermöglichen. Ebenso könnten geringere Steuer- und Abgabenbelastungen oder flexiblere Arbeitszeiten dazu führen, dass mehr Menschen in Vollzeit arbeiten.

Vor allem den letztgenannten Punkt will die schwarz-rote Bundesregierung nun vorantreiben. Wie Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) ankündigte, soll noch im Juni ein Gesetzentwurf für flexiblere Arbeitszeiten vorgelegt werden. Wie im Koalitionsvertrag beschrieben, will man den Acht-Stunden-Tag durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit ersetzen. Arbeitszeiten sollen so besser an die realen Anforderungen angepasst werden können, beispielsweise bei Saison-, Schicht-, Wochenend- oder Nachtarbeit.

Bundesregierung will Arbeitszeit flexibler gestalten

Laut Koalitionsvertrag soll sich die wöchentliche Höchstarbeitszeit an bereits bestehenden Regeln orientieren: "Als Vollzeitarbeit soll dabei für tarifliche Regelungen eine Wochenarbeitszeit von mindestens 34 Stunden, für nicht tariflich festgelegte oder vereinbarte Arbeitszeiten von 40 Stunden gelten." Gleichzeitig sollen "die geltenden Ruhezeitregelungen beibehalten" werden. Somit müssen zwischen zwei Schichten mindestens elf Stunden liegen.

Im Koalitionsvertrag begründen die Regierungsparteien den Schritt mit einer sich verändernden Arbeitswelt: "Beschäftigte und Unternehmen wünschen sich mehr Flexibilität." Eine neue Regelung der Arbeitszeit sei dabei auch "im Sinne einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf".

Eine aktuelle Forsa-Umfrage bestätigt diesen Wunsch. Demnach sind 57 Prozent der Deutschen dafür, die bisherige Acht-Stunden-Regelung abzuschaffen und stattdessen eine wöchentliche Höchstarbeitszeit einzuführen, die es erlaubt, an einzelnen Tagen mehr zu arbeiten und dafür an anderen Tagen weniger. 41 Prozent sind gegen eine solche Änderung.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) lehnt die Pläne ab. DGB-Chefin Yasmin Fahimi warnt vor einer Abkehr vom Acht-Stunden-Tag: "Wir wollen nicht zurückgeworfen werden in Zeiten von vor 1918." In jenem Jahr nämlich wurde der Acht-Stunden-Tag in Deutschland eingeführt.

Ver.di-Chef Frank Werneke sieht in den Plänen der Bundesregierung einen Freibrief für Arbeitgeber, um aus ihren Mitarbeitenden "das Letzte rauszuholen – ohne Rücksicht auf die Gesundheit der Beschäftigten".

Selbst Arbeitsministerin Bas hatte sich zuletzt von der geplanten Abschaffung des Acht-Stunden-Tags distanziert. "Wenn es nach der SPD und mir persönlich geht, fassen wir das Thema gar nicht erst an, aber es steht im Koalitionsvertrag", sagte sie beim Bundeskongress des DGB in Berlin.

Eine Erhöhung der Arbeitszeit ist mit der Reform nicht geplant, betont die Regierung. Vielmehr gehe es um eine andere Verteilung der Arbeitszeit. Wie groß der unmittelbare Effekt auf das Arbeitsvolumen in Deutschland wäre, ist deshalb fraglich. Befürworter erhoffen sich durch die Flexibilisierung einen Anreiz, der Vollzeitarbeit insgesamt attraktiver macht, z.B. für Eltern.

Fazit

Unsere Gesellschaft wird immer älter, die Wirtschaft stellt das vor enorme Herausforderungen. Das Problem: Während immer mehr alte Menschen aus dem Job ausscheiden, kommen immer weniger junge Arbeitskräfte nach. Laut Berechnungen könnte die Zahl der Erwerbsfähigen in Deutschland bis 2040 um rund 3 Millionen Menschen abnehmen. Experten fordern deshalb politische Maßnahmen, um das Arbeitsvolumen in Summe zu stabilisieren. Die Bundesregierung arbeitet aktuell an einer Reform, um die gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitszeiten künftig flexibler zu gestalten. Befürworter erhoffen sich dadurch einen Anreiz, der Vollzeitarbeit insgesamt attraktiver macht. Kritik kommt indes von den Gewerkschaften.

Stand: 20.05.2026, 16:56 Uhr