Sicherheitsexperte Carlo Masala äußerte sich zu der Frage, wie hoch er das Risiko eines russischen Angriffs gegen die NATO einschätzt. In diesem Zusammenhang erläuterte er das sogenannte Narwa-Szenario. Was es damit auf sich hat, schauen wir uns hier noch einmal genauer an.
Wenn Russland die NATO testet: Was besagt das sogenannte Narwa-Szenario?
01:16 Min.. Verfügbar bis 13.05.2027.
Maischberger: "Sie haben einmal einen Ort rausgepickt in dem letzten Buch, das Sie geschrieben haben, 'Wenn Russland gewinnt', das ist Narwa. Und wir gucken gerade, was in Narwa jetzt passiert ist am 9. Mai. Das ist ein kleines estnisches Städtchen, das drittgrößte immerhin in Estland, 50.000 Einwohner. Gegenüber ist Russland, und das ist die russische Übertragung der Parade für die Esten auf der anderen Seite des Flusses. Die Esten dort sind in einer großen Mehrheit russischsprachig, russischstämmig. Und Sie haben gesagt, das hier könnte der Ort sein, an dem Russland die NATO testet, weil mit einer kleinen begrenzten Aktion möglicherweise herauskommt, dass, wenn da angegriffen wird, die NATO gar nicht den Artikel 5 zieht. Glauben Sie das immer noch? Und was würde dann passieren?"
Masala: "Also, ich habe Narwa als Beispiel genommen, nicht Narwa sozusagen als konkreten Punkt, wo was passiert. Ich muss das immer sagen, weil die Esten sozusagen ziemlich sauer auf mich sind. Aber der Punkt ist ja folgender: Die Russen würden einen kleinen Teil von NATO-Territorium angreifen, mit der Nachricht sozusagen, es geht nur um den Schutz russischer Minderheiten. Und da haben wir ja so ein paar Punkte in Norwegen, in Lettland, in Estland, wo das durchaus möglich ist."
Hintergrund: Was versteht man unter dem sogenannten Narwa-Szenario?
Das Narwa-Szenario ist ein fiktives militärisches Planspiel, das einen russischen Angriff auf die estnische Grenzstadt Narwa beschreibt. Unter Fachleuten wird es bereits seit einigen Jahren diskutiert. Schon 2013, also noch vor der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland, beschrieb der amerikanische Thriller-Autor Tom Clancy in einem Roman die Möglichkeit, dass russische Truppen die NATO durch einen Blitzangriff auf estnisches Territorium herausfordern könnten.
Neue Aufmerksamkeit erhielt die Idee nach Beginn der russischen Vollinvasion in der Ukraine im Februar 2022. In seinem Buch "Wenn Russland gewinnt" (erschienen 2025) erklärt unser Studiogast Carlo Masala ausführlich, wie ein solcher Angriff auf NATO-Gebiet aussehen könnte.
Was besagt das Narwa-Szenario?
Ausgangspunkt des fiktiven Szenarios ist ein Sieg Russlands in der Ukraine. Als erfolgreicher Kriegsherr tritt Wladimir Putin von seinem Amt als russischer Präsident zurück, wirkt aber weiter aus dem Hintergrund. Seinem Nachfolger – Putin selbst hat ihn ernannt – gelingt es, das durch den Ukraine-Krieg beschädigte Verhältnis zu Europa und den USA so weit zu reparieren, dass die westlichen Verbündeten darauf verzichten, ihr Militär weiter aufzurüsten. Das russische Regime hingegen nutzt die friedlichen Jahre zur heimlichen Reorganisation seiner Streitkräfte.
Dann, am 27. März 2028, erfolgt der Angriff. Russische Truppen besetzen die estnische Grenzstadt Narwa sowie die ebenfalls zu Estland gehörende Ostseeinsel Hiiumaa. Der Angriff kommt für die NATO überraschend, obwohl er von russischer Seite lange vorbereitet wurde. Durch gezielte Desinformation in den sozialen Medien wurden über Wochen regierungskritische Demonstrationen in Narwa angeheizt. Der russischsprachigen Bevölkerung, so heißt es in zahlreichen Falschmeldungen, werde die Möglichkeit verwehrt, ihre Sprache in der öffentlichen Verwaltung zu benutzen. Auch Gerüchte, wonach die Regierung in Tallinn ihnen das Wahlrecht entziehen könnte, weil sie aufgrund ihrer Nähe und Verbundenheit zu Russland ein Sicherheitsrisiko seien, machen die Runde. Auf diese Weise wird Unsicherheit, zum Teil auch Gewaltbereitschaft in der russischsprachigen Bevölkerung gesät, die mit 88 Prozent die Mehrheit in Narwa bildet. Viele Menschen, so das Szenario, unterstützen folglich das Eingreifen der russischen Armee.
Wie reagiert die NATO?
Laut Artikel 5 des Nordatlantikvertrags ist der Angriff auf einen Mitgliedstaat (in diesem Fall Estland) gleichbedeutend mit einem Angriff auf alle 32 Mitgliedstaaten. Wird Artikel 5 ausgerufen, spricht man vom sogenannten Bündnisfall, der alle NATO-Partner dazu verpflichtet, dem angegriffenen Land Beistand zu leisten. Theoretisch ist der Fall also klar.
Im Szenario von Carlo Masala ist die Entscheidung aber komplizierter. Denn am Tag des Angriffs in Estland werden die NATO-Partner durch zwei mutmaßlich von Russland ausgehende Terroranschläge in Deutschland und England erschüttert. Zusätzlich wird ein Konflikt im Südchinesischen Meer durch die Volksrepublik China eskaliert, um die US-amerikanische Aufmerksamkeit von den Vorgängen im Baltikum abzulenken. Vor diesem Hintergrund gelingt es den NATO-Partnern trotz intensiver Verhandlungen nicht, sich auf militärische Maßnahmen gegen Russland zu einigen. Am 28. März 2028 wird der estnische Antrag auf Ausrufung des NATO-Bündnisfalls abgelehnt. Der US-amerikanische Präsident kommentiert: "Ich bin nicht bereit, für Narwa den Dritten Weltkrieg zu riskieren." Den NATO-Generalsekretär lässt Carlo Masala in seinem Szenario abschließend feststellen: "Heute war für die Allianz ein schwarzer Tag."
Im Nachwort hält Masala fest: "Wenn das hier entwickelte Szenario, also ein räumlicher begrenzter Test der Belastbarkeit von Artikel 5, zu dem beschriebenen Ergebnis führen würde, dann hätte Russland sein Ziel erreicht." Wenn die Mitgliedsstaaten "nicht mehr glauben, dass Artikel 5, das kollektive Beistandsversprechen, Gültigkeit hat, dann ist die NATO am Ende, da sie dann ihren eigentlichen Daseinszweck nicht mehr erfüllt."
Viele Militärexperten teilen Masalas Einschätzung und warnen vor einem möglichen russischen Angriff im Baltikum. Die Forschungsdirektorin des NATO Defense College in Rom, Florence Gaub, sieht das anders. Sie glaubt nicht, dass Russland innerhalb der nächsten Jahre die Nordostflanke des Bündnisses, also Estland, Lettland oder Litauen, angreifen wird. In einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk vom 02.01.2026 sagte sie: "Das geht jetzt total gegen die landläufige Auffassung, aber ich glaube nicht an dieses Szenario. Ich glaube, das wäre ein solcher Poker, das würde wirklich alles nur auf eine Karte setzen. Wenn Russland nur einen kleinen Move macht, und die USA bleiben bei den Europäern, dann haben sie [Russland] ein richtig großes Problem. Die militärische Macht aller Europäer plus die der USA – dem hat Russland überhaupt nichts entgegenzusetzen."
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs hat die NATO ihre Präsenz im Baltikum deutlich verstärkt. Estland, Lettland und Litauen haben insgesamt eine über 900 Kilometer lange Grenze zu Russland und Belarus, die zunehmend gesichert werden soll. Deutschland beteiligt sich u.a. mit der dauerhaften Stationierung einer Panzerbrigade in Litauen.
Fazit
Das Narwa-Szenario ist ein fiktives militärisches Planspiel, das einen russischen Angriff auf die estnische Grenzstadt Narwa beschreibt. Unser Studiogast Carlo Masala, der das Szenario ausführlich in einem Buch beschrieben hat, geht in seiner Simulation davon aus, dass die NATO dem angegriffenen Mitgliedstaat Estland nicht zur Seite stehen würde – anders als es Artikel 5 des NATO-Vertrags besagt. Er warnt deshalb vor einem Zerfall des Bündnisses. Viele Militärexperten teilen seine Einschätzung. Andere hingegen, wie z.B. Florence Gaub vom NATO Defense College, halten das Szenario für eher unwahrscheinlich.
Stand: 13.05.2026, 17:59 Uhr