Der CDU-Fraktionsvorsitzende Jens Spahn äußerte sich in der Sendung zur wirtschaftlichen Lage in Deutschland und beklagte einen sinkenden Wohlstand. Spahn sagte, die Bürger hierzulande seien real ärmer geworden, weil die Kaufkraft über Jahre hinweg nicht gestiegen sei. Hat er Recht?
Deutschland in der Krise: Ist die Kaufkraft seit Jahren nicht gestiegen?
00:30 Min.. Verfügbar bis 07.05.2027.
Spahn: "Unheimlich viele Menschen in Deutschland müssen, und das nicht erst seit wenigen Wochen, sehr schauen, dass sie über die Runden kommen. Die Kaufkraft ist seit sechs, sieben Jahren in Deutschland nicht gestiegen. Real ist Deutschland ärmer geworden. Und das spüren die Leute beim Einkaufen, an der Tankstelle, im Alltag. Und da, die Problembeschreibung teile ich, da braucht es eben das wirtschaftliche Wachstum, im Alltag spürbar im Portemonnaie. Es wird auch der einzige Weg sein, mit dem wir wieder zu Vertrauen kommen für die Koalition, für die politische Mitte."
Stimmt das? Ist Deutschland in den letzten Jahren ärmer geworden?
Unser Studiogast Jens Spahn bezog sich in der Sendung auf die durchschnittliche Kaufkraft in Deutschland. Diese sei "seit sechs, sieben Jahren" nicht gestiegen, sagte der CDU-Fraktionschef. Um diese Aussage zu überprüfen, muss zunächst definiert werden, was der Begriff der Kaufkraft überhaupt bedeutet.
Vereinfacht ausgedrückt ist die Kaufkraft der Maßstab für den Wert des Geldes. Sie gibt an, welche Gütermenge mit einer Geldeinheit oder einem bestimmten Geldbetrag gekauft werden kann. Deshalb hängt die Kaufkraft immer von der aktuellen Preisentwicklung ab. Dabei gilt:
Steigen die Preise, sinkt die Kaufkraft. Der Verbraucher kann für dasselbe Geld weniger Waren oder Dienstleistungen einkaufen.
Sinken die Preise, steigt die Kaufkraft. Der Verbraucher kann für dasselbe Geld mehr Waren oder Dienstleistungen einkaufen.
Wie sich die Preise für bestimmte Güter verändern, variiert im Einzelfall sehr stark. Um die Preisentwicklung in Deutschland trotzdem in einer Statistik abbilden zu können, greift man deshalb auf Durchschnittswerte zurück, die im sogenannten Verbraucherpreisindex (VPI) zusammengefasst werden. Das Ergebnis: Zwischen 2020 und März 2026 sind die Verbraucherpreise hierzulande um durchschnittlich 24,5 Prozent gestiegen. Diese Verteuerung bezeichnet man auch als Inflation.
Wie oben bereits erläutert, führen steigende Preise zu einer sinkenden Kaufkraft. Der Verbraucher kann für dasselbe Geld weniger Waren oder Dienstleistungen einkaufen. So weit, so eindeutig. Oder?
Nicht ganz. Denn von einem realen Kaufkraftverlust sprechen Fachleute erst dann, wenn die Teuerungsrate oberhalb der durchschnittlichen Lohnentwicklung liegt. Kurz gesagt: Steigen die Preise stärker als die Löhne?
Wie aktuelle Daten des Statistischen Bundesamts zeigen, hinkte die Lohnentwicklung in Deutschland der Inflation zuletzt deutlich hinterher. Während die Preise von 2020 bis 2025 um 21,8 Prozent stiegen, wuchsen die Einkommen nur um rund 11 Prozent. Das bedeutet: Der reale Wohlstand hat in dieser Zeit abgenommen.
Allerdings zeichnet sich seit 2025 wieder eine etwas positivere Entwicklung ab. Im vierten Quartal 2025 wuchsen die Löhne durchschnittlich um 4,1 Prozent, während die Verbraucherpreise um 2,2 Prozent stiegen. Damit wurde der jahrelange Abwärtstrend erstmals wieder umgekehrt. Zahlen für das erste Quartal 2026 sind noch nicht veröffentlicht.
Das Marktforschungsunternehmen NIQ prognostizierte kürzlich einen Anstieg der Kaufkraft um fünf Prozent und sorgte damit vielerorts für Schlagzeilen. Die von NIQ berechneten Werte berücksichtigen jedoch allein das verfügbare Nettoeinkommen der Bürger, inklusive staatlicher Transferzahlungen wie Renten, Arbeitslosen- und Kindergeld. Ausdrücklich nicht berücksichtigt wird die Inflation bei Lebenshaltungskosten, Versicherungen, Mieten und Nebenkosten. Ob die Kaufkraft, wie eingangs definiert, steigt oder sinkt, hängt aber zentral von der Preisentwicklung ab. Die Zahlen von NIQ sind daher nur sehr eingeschränkt aussagekräftig.
Fazit
Dass die Kaufkraft in Deutschland in den vergangenen Jahren abgenommen hat, wie Jens Spahn in unserer Sendung sagte, ist zutreffend. Während die Preise zwischen 2020 und 2025 um durchschnittlich 22 Prozent stiegen, wuchsen die Einkommen nur um rund 11 Prozent. Das bedeutet: Der reale Wohlstand ist in dieser Zeit geschrumpft. Verbraucher konnten sich immer weniger Waren für dasselbe Geld leisten. Aktuelle Zahlen deuten jedoch einen leichten Positivtrend an. Ob dieser sich fortsetzt, bleibt noch abzuwarten.
Stand: 07.05.2026, 16:51 Uhr