Mehr als Musik: Wie politisch ist der ESC?
In der aktuellen Ausgabe von HART ABER FAIR geht es um das Musikevent mit der größten Zuschauerreichweite weltweit – den Eurovision Song Contest. In diesem Jahr ist das große Fest der Vielfalt und Toleranz so politisch wie nie. Einige Länder boykottieren den ESC wegen der Teilnahme Israels. Im Mittelpunkt steht die Kritik am Vorgehen des israelischen Militärs im Gazastreifen. Ein weiterer Vorwurf lautet, dass die Regierung Netanjahus sich in den ESC einmische. Diskutiert wird das auch in der Sendung. Maria Popov, Journalistin und Moderatorin, spricht dabei eine aktuelle Recherche der New York Times an, die dies belegen soll.
Beeinflussung des ESC?
Was wird Israel vorgeworfen und was hat die New York Times herausgefunden? Zunächst ein Blick ins vergangene Jahr: 2025 warb Israel mit einer massiven Kampagne in sozialen Netzwerken für seine Starterin Yuval Raphael. Anschließend belegte das Land in der Gesamtwertung den zweiten Platz und gewann das Publikumsvoting – bei dem untersagt ist, für den Beitrag aus dem eigenen Land abzustimmen. Israels klarer Sieg bei dieser Abstimmung überraschte viele Beobachter und widersprach den Erwartungen und der Stimmung der Fans. Mehrere Länder meldeten Beschwerde an und drohten mit einem Rückzug vom ESC. Finnische Journalisten fanden heraus, dass die israelische Regierung Online-Anzeigen in mehreren Sprachen geschaltet hatte, in denen dazu aufgerufen wurde, für die israelische Teilnehmerin zu stimmen – und zwar bis zum zulässigen Maximum von 20 Malen. Auch Ministerpräsident Netanjahu selbst veröffentlichte in den sozialen Medien eine Grafik, mit der er dazu ermutigte, 20 Mal für Yuval Raphael abzustimmen.
Die New York Times kommt nach einer Analyse der Abstimmungsdaten zu dem Schluss, dass die israelischen Werbemaßnahmen das Publikumsvoting durchaus beeinflusst haben könnten. Der Zeitung zufolge liegt das daran, dass in einigen Ländern so wenige Menschen ihre Stimme abgeben, dass bereits einige Hundert Personen, die wiederholt abstimmen, das Ergebnis verändern könnten.
Israels Regierung investiert in Werbekampagne
Den Recherchen der Zeitung zufolge hat die israelische Regierung schon ein Jahr zuvor große finanzielle Anstrengungen geleistet, um beim ESC in Malmö 2024 gut abzuschneiden. Damals gab sie nach Angaben der israelischen Regierungsagentur für Kommunikation mehr als 800.000 US-Dollar für Werbung im Zusammenhang mit dem ESC aus. Die Daten der israelischen Medienbeobachtungsstelle „The Seventh Eye“ offenbaren demnach, dass der Großteil der Gelder aus dem Außenministerium stammte. Ein Ausgabenposten aus dem sogenannten „Hasbara“-Büro des Premierministers (zuständig für Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation) zeigte laut New York Times zudem, dass auch dort Mittel bereitgestellt worden sind.
Auf Nachfrage der New York Times beim israelischen Rundfunksender Kan hieß es, man habe keine vorherige Kenntnis von den Werbekampagnen der Regierung gehabt und sei zudem der Ansicht, dass „die Wettbewerbsregeln nicht verletzt wurden“.
Neue Abstimmungsregeln ab diesem Jahr
Für eine technische Manipulation bei der Abstimmung im vergangenen Jahr durch Israel gibt es keine Hinweise und Israels Werbekampagne widersprach bis dato auch nicht den Statuten des ESC. Doch die Organisatoren zogen Konsequenzen und somit gelten ab diesem Jahr neue Abstimmungsregeln: Die Zahl der Zuschauerstimmen wird von 20 auf 10 pro Bezahlart - SMS, Anruf, Onlineabstimmung mit Kreditkarte - halbiert. Fans sollen außerdem aktiv ermuntert werden, für mehrere Beiträge abzustimmen.
In den beiden Halbfinals gibt es nach der reinen Publikumsentscheidung in den Jahren 2023 bis 2025 nun auch wieder eine Juryabstimmung. Dies soll dafür sorgen, dass neben Publikumslieblingen auch Beiträge mit einem hohen künstlerischen Anspruch bessere Chancen haben. Auch für Werbekampagnen wurden die Vorgaben verschärft. Die Teilnehmer und ihre Lieder dürfen beworben werden, unverhältnismäßige Werbekampagnen insbesondere auch durch Dritte – wie Regierungen oder Behörden – soll es aber nicht mehr geben.
Quellen: