Zuckersteuer und Abnehmspritze: Wird unser Leben so gesünder?
In unserer Sendung diskutieren Luise Molling von der Verbraucherschutzorganisation foodwatch, Karl Lauterbach, SPD-Politiker und ehemaliger Gesundheitsminister, Fritz-Kola-Geschäftsführer Mirco Wolf Wiegert und Nicole Büttner, Generalsekretärin der FDP, über die Wirksamkeit einer Zuckersteuer. Als Beispiel ziehen sie immer wieder Großbritannien heran, wo es bereits eine Steuer auf stark zuckerhaltige Getränke gibt. Uneins sind die Gäste darüber, welchen gesundheitlichen Nutzen eine solche Steuer bereits gebracht hat.
Zunächst ein Blick auf die Gesetzeslage in Großbritannien: Bei der sogenannten Soft Drinks Industry Levy (SDIL), die seit April 2018 in Kraft ist, handelt es sich um eine Steuer, die die Hersteller auf stark zuckerhaltige Getränke zahlen müssen. Die Höhe hängt davon ab, wie viel Zucker das Getränk enthält. Bei einem Gesamtzuckergehalt von 5 Gramm oder mehr und weniger als 8 g pro 100 ml gilt ein niedrigerer Steuersatz; für Getränke mit einem Zuckergehalt von 8 g oder mehr pro 100 ml ein höherer. Die Regierung plant aktuell eine weitere Senkung der Grenzwerte.
Nach Angaben der britischen Regierung hat die Regelung zu einer deutlichen Reduzierung des Zuckergehalts in den von der Steuer erfassten Erfrischungsgetränken geführt: von 2015 bis 2024 um 47 %. Auch andere Studien lassen keinen Zweifel an einer Reduzierung des Zuckers in den Getränken durch die Hersteller seit Ankündigung des Gesetzes.
Weniger eindeutig ist die Studienlage mit Blick auf die gesundheitlichen Auswirkungen. Eine britische Studie aus dem Jahr 2023 etwa kommt zu dem Ergebnis, dass die Einführung der SDIL größere Auswirkungen auf die Häufigkeit von Adipositas bei Mädchen hat als bei Jungen. Nach der Einführung der Steuer war bei Mädchen im Alter von 10 bis 11 Jahren eine relative Abnahme der Adipositasrate zu sehen: Sie lag etwa 8 Prozent niedriger, als man es ohne die Steuer erwartet hätte. Bei Jungen in diesem Alter zeigte sich keine vergleichbare Veränderung. Am stärksten gingen die Adipositasraten bei Mädchen zurück, die Schulen in sozial benachteiligten Gebieten besuchten. Bei Vorschulkindern gab es insgesamt keine Veränderungen - weder bei Jungen noch bei Mädchen.
Eine andere Studie unter Beteiligung der Universität Cambridge sowie der Griffith Universität in Australien aus dem Jahr 2024 kommt wiederum zu dem Schluss, „dass die SDIL mittelfristig zu einem Rückgang von Karies und Übergewicht/Adipositas sowie langfristig zu einer höheren Lebenserwartung führen wird, wobei Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Gebieten voraussichtlich am meisten davon profitieren werden“. Zu berücksichtigen ist jedoch, dass es sich hier um eine Simulationsstudie und damit lediglich um Prognosen handelt. Wissenschaftler weisen darauf hin, dass Simulationsmodelle oftmals ein langfristig stabiles Konsumverhalten unterstellen, während Konsumenten in der Realität meist nicht sofort auf Preisänderungen reagieren. Dies führt dazu, dass Simulationsstudien häufig deutlich positivere Effekte auf Gewichtsreduktion und gesundheitliche Nutzen prognostizieren, als tatsächlich eintreten.
Die Mehrdeutigkeit der Studien spiegelt sich auch in einer Analyse wider, die das Wissenschaftliche Institut der Privaten Krankenversicherung veröffentlicht hat. Die Autorinnen und Autoren sprechen ebenso von „gemischten Befunden hinsichtlich einer Reduktion des Body-Mass-Index sowie der Prävalenz von Übergewicht und Adipositas“. Während einige Studien aus den USA und Großbritannien positive Effekte der Besteuerung zuckerhaltiger Getränke feststellten, lieferten andere Studien keine Hinweise auf eine Wirkung solcher Maßnahmen.
An anderer Stelle in der Sendung kritisiert der Arzt und Fernsehjournalist Eckart von Hirschhausen, dass in Anbetracht der Summe von 500 Milliarden Euro, die in Deutschland jährlich für das Gesundheitswesen ausgegeben werden, zu wenig für die Prävention ausgegeben werde. Hirschhausen spricht hier von lediglich 0,2 Prozent. Das Statistische Bundesamt weist für 2023 Gesundheitsausgaben in der Größenordnung von 501 Milliarden Euro aus und definiert Gesundheitsausgaben als „Ausgaben für Prävention, Behandlung, Rehabilitation und Pflege einschließlich der Kosten der Verwaltung sowie der Investitionen der Einrichtungen des Gesundheitswesens zur Sicherstellung der Gesundheitsversorgung“.
Die Gesundheitsberichterstattung des Bundes beziffert für 2023 die Ausgaben für „Prävention und Gesundheitsschutz“ mit 298 € pro Person, was 5,0 Prozent der Gesundheitsausgaben entspricht. Historisch lag der Anteil demnach lange um 3,7 Prozent (1992–2020), stieg während der Corona-Pandemie auf 8,7 Prozent und lag 2023 wieder bei 5,0 %.
Quellen: