Notfall Pflege: Wer sorgt für ein Altern in Würde?

Notfall Pflege: Wer sorgt für ein Altern in Würde? Der Faktencheck zur Sendung vom 03.11.2025

Wie geht ein gutes Leben mit Demenz?

Eine Talkshow ist turbulent. Oft bleibt während der Sendung keine Zeit, Aussagen oder Einschätzungen der Gäste gründlich zu prüfen. Deshalb hakt HART ABER FAIR nach und lässt einige Aussagen bewerten. Die Antworten gibt es hier im Faktencheck.

Der Pflegemarkt

In der Sendung diskutieren Stella Merendino, Bundestagsabgeordnete der Linken, und Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste, über die Geschäftstätigkeiten von Pflegeheimen. Während Stella Merendino der Branche vorwirft, Investoren und Großkonzerne abkassieren zu lassen, hält Bernd Meurer dagegen. Er sagt, beim Großteil der Unternehmen und Betriebe in der Branche handele es sich nicht um Großunternehmen. Auch den Vorwurf, die Pflegeeinrichtungen machten sich die Taschen voll, weist er zurück.

Ein Blick auf die Trägerstruktur zeigt: Die Zahl der Pflegeheime in Deutschland wächst. Laut aktueller Pflegestatistik waren 2023 rund 16.500 Einrichtungen zugelassen. Der Anteil privater Betreiber steigt seit Jahren und lag 2023 bereits bei 42 Prozent. Weitere 53 Prozent gehören zu freigemeinnützigen Trägern wie Diakonie oder Caritas. Öffentliche Träger betreiben die wenigsten Heime.

Wie stark große Unternehmen den Pflegemarkt prägen, lässt sich aus den Erhebungen des Unternehmens „Pflegemarkt“ ablesen: 2023 verfügte jedes vierte Pflegeheim über höchstens 30 Plätze. Die größten Anbieter gewinnen jedoch zunehmend an Einfluss. Unter den 30 größten Pflegeheimbetreibern sind elf gemeinnützige und 19 private Träger. Auffällig ist die zunehmende Internationalisierung: Neun der 30 größten Betreiber gehören internationalen Investoren oder Trägergruppen. Insgesamt bleibt der Markt jedoch stark fragmentiert, mit vielen kleinen und mittleren Anbietern.

Wie es wirtschaftlich um die Pflegeheime steht und welche Gewinne sie machen ist nur schwer nachzuvollziehen: Viele private Betreiber müssen ihre Zahlen nicht offenlegen. Einen Eindruck von der Gesamtsituation vermittelt die „Deutschlandkarte Heimsterben“ des Arbeitgeberverbands Pflege. Sie dokumentiert Pflegeangebote, die seit Januar 2023 von Insolvenz, Schließung oder anderen öffentlich bekannten Angebotseinschränkungen betroffen waren oder sind. Bis zum 31. Juli 2024 waren das 1097 Pflegeangebote – sowohl private als auch gemeinnützige Träger. Einige stationäre Heime wurden von anderen Betreibern übernommen und weitergeführt. Das deutet darauf hin, dass große Anbieter ihren Marktanteil weiter ausbauen.

Was die Gewinne betrifft, so erzielen Berichten zufolge kleine Pflegeheimbetreiber normalerweise Überschüsse von zwei bis drei Prozent, bei börsennotierten Pflegekonzernen sind auch vier oder fünf Prozent möglich. Obwohl die Renditen nicht generell extrem hoch sind, gehen Branchenbeobachter von teils deutlich höheren Gewinnmargen aus, wie etwa die Tagesschau in der Vergangenheit berichtete. Durch komplexe Unternehmensstrukturen sei allerdings schwer nachvollziehbar, wo hohe Gewinne erzielt werden.

Zustände in deutschen Pflegeheimen

An anderer Stelle in der Sendung diskutieren die Gäste über die Zustände in deutschen Pflegeheimen. Die Schauspielerin Andrea Sawatzki, deren Eltern beide dement waren, und deren Mutter vor vier Jahren in einem Pflegeheim gestorben ist, spricht von „skandalösen Zuständen“ in Pflegeheimen. Karl-Josef Laumann, CDU-Politiker und Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Nordrhein-Westfalen, sagt, es gebe zwar einzelne Pflegeheime, die Qualitätsmängel aufwiesen, in der Großzahl der Pflegeheime werde aber eine sehr gute Arbeit geleistet.

Zunächst zur Frage, inwieweit und in welcher Form die Qualität von Pflegeheimen erhoben wird: Bis 2019 veröffentlichte der Medizinische Dienst der Krankenkassen sogenannte Pflegenoten. Das Schulnotensystem sollte zeigen, wie gut oder schlecht ein Heim arbeitet. In der Praxis war es aber kaum aussagekräftig. Im Durchschnitt bekamen die rund 13.000 Pflegeheime damals eine Note von 1,2 – also fast alle „sehr gut“. Unterschiede in der Qualität ließen sich kaum erkennen, denn schlechte Bewertungen in einem Bereich konnten leicht durch gute Noten in anderen Bereichen ausgeglichen werden.

Seit Herbst 2019 gibt es ein neues Verfahren, um die Qualität von Pflegeheimen zu messen. Es kombiniert die internen Bewertungen der Einrichtungen mit externen Prüfungen durch den Medizinischen Dienst. Statt Schulnoten zählen nun objektive Daten – etwa wie häufig Bewohner stürzen, Druckgeschwüre bekommen oder stark an Gewicht verlieren. Die Ergebnisse für jedes Heim sind auf den Webseiten der Pflegekassen einsehbar. Dort finden sich viele Detailangaben, aber keine Gesamtnote mehr. Eine übergreifende Bewertung aller Pflegeheime in Deutschland ist deshalb kaum möglich.

Ein Forschungsprojekt aus dem Jahr 2022 mit dem Titel „Qualitätsmessung in der Pflege“ – durchgeführt vom Wissenschaftlichen Institut der AOK, dem Aqua-Institut und der Ostfalia Hochschule – zeigt: Die Qualität der Versorgung in deutschen Pflegeheimen unterscheidet sich deutlich. Beim Blick auf Krankenhausaufenthalte etwa ergab sich, dass in einem Viertel der Heime bis zu 30 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner zeitweise ins Krankenhaus mussten. In einem weiteren Viertel lag dieser Anteil sogar zwischen 43 und 81 Prozent. Große Unterschiede gibt es beispielweise auch beim Einsatz von Antipsychotika bei Menschen mit Demenz: In einem Viertel der Heime erhalten höchstens vier Prozent der demenzkranken Bewohner dauerhaft solche Medikamente, in einem anderen Viertel liegt der Anteil zwischen elf und 40 Prozent.

Über den Zustand in deutschen Pflegeheimen lassen sich also nur schwer pauschale Rückschlüsse ziehen. Wer unsicher ist, ob ein Pflegeheim für beispielsweise einen Angehörigen geeignet ist, kann sich auf den Seiten der Pflegekassen informieren. Auch empfehlen Verbraucherzentrale, Caritas und andere Stellen immer auch einen Besuch vor Ort, bevor sich für ein Pflegeheim entschieden wird.

Quellen:

Pflege als Geschäftsmodell:

Qualitätsmessung deutscher Pflegeheime:

Pflegeheime finden und Bewertungen einsehen: