Leg doch mal das Handy weg! Sind wir machtlos gegen Social Media?
Eine Talkshow ist turbulent. Oft bleibt während der Sendung keine Zeit, Aussagen oder Einschätzungen der Gäste gründlich zu prüfen. Deshalb hakt HART ABER FAIR nach und lässt einige Aussagen bewerten. Die Antworten gibt es hier im Faktencheck.
Thema zu Beginn: die Nutzung sozialer Medien durch Heranwachsende. Die ehemalige Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) sieht das Thema grundsätzlich kritisch; sie findet, dass Kinder und Jugendliche ohnehin oft zu viel Zeit am Handy verbrächten. Levi Penell, Content Creator und Podcaster, widerspricht und wirft Schröder vor, ein unrealistisches und einseitiges Bild zu zeichnen. Was sagen Studien dazu? Die auch in der Sendung zitierte Studie der Krankenkasse DAK sowie des Universitätsklinikums Eppendorf in Hamburg (UKE) aus dem März 2025 unterscheidet zwischen der Zeit, die Kinder und Jugendliche auf Social Media, beim Gaming sowie beim Streaming verbringen. Demnach sind 10- bis 17-Jährige an einem Schultag durchschnittlich 157 Minuten in sozialen Medien unterwegs. Hinzu kommen 105 Minuten für digitales Spielen sowie 93 Minuten fürs Streaming bzw. für das Ansehen von Videoinhalten über das Internet, beispielsweise auf Plattformen wie YouTube oder bei Streaming-Diensten . Nimmt man alle drei Tätigkeiten zusammen, kommt man auf 355 Minuten bzw. knapp sechs Stunden digitaler Nutzung. Mit einberechnet ist hierbei beispielsweise noch nicht die Nutzung zu schulischen Zwecken. Die Daten basieren auf einer Befragung, an der 1200 Familien teilgenommen haben.
Andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Einer repräsentativen Studie aus diesem Monat von Infratest dimap im Auftrag der Vodafone Stiftung zufolge nutzen 69 Prozent der Jugendlichen soziale Medien wie TikTok oder Instagram mehr als zwei Stunden täglich. 27 Prozent sagen demnach sogar, sie würden mindestens fünf Stunden pro Tag damit verbringen.
Einer OECD-Studie aus dem Mai 2025 zufolge verbringen 15-Jährige in Deutschland insgesamt 48 Stunden wöchentlich vor dem Bildschirm – also fast sieben Stunden am Tag.
An anderer Stelle diskutieren die Gäste, wie mit Hasskommentaren, Beleidigungen und anderen problematischen Inhalten auf Social-Media-Plattformen umgegangen werden solle. Um diese Inhalte ausfindig zu machen und Plattformen zu warnen, werden in Europa inzwischen sogenannte Trusted Flaggers (auf Deutsch: vertrauenswürdige Hinweisgeber) eingesetzt. Rechtsanwalt Chan-jo Jun, der sich gegen Hass im Netz engagiert, sagt, dass die CDU erhebliche Probleme mit der Einführung solcher Trusted Flaggers gehabt hätte, obwohl diese zur Regulierung beitragen würden. Kristina Schröder entgegnet, dass sie den Einsatz dieser Trusted Flaggers in der Tat „vom Mechanismus her hochproblematisch“ finde.
Was genau sind also Trusted Flaggers und wie arbeiten sie? Trusted Flaggers sind ein wichtiger Bestandteil des Digital Services Act (DSA). Dieser wiederum ist das europäische Gesetz für digitale Dienste und wird seit Februar 2024 in der gesamten EU angewandt. Der DSA soll einen sichereren digitalen Raum schaffen, in dem die Grundrechte aller Nutzerinnen und Nutzer digitaler Dienste im EU-Binnenmarkt geschützt werden. Trusted Flaggers sind dabei unabhängige Organisationen, die potenziell rechtswidrige Inhalte großer Online-Plattformen melden. Die Plattformen müssen Meldungen dieser Hinweisgeber prioritär behandeln und prüfen, entscheiden aber selbst über die Entfernung der Inhalte. Zugelassene Organisationen müssen besondere Qualifikationen, ihre Unabhängigkeit und Sorgfalt bei der nationalen DSA-Aufsichtsbehörde wie der Bundesnetzagentur nachweisen. Anfang Oktober hat die Bundesnetzagentur den ersten sogenannten Trusted Flagger zugelassen, die Meldestelle REspect! der Stiftung zur Förderung der Jugend in Baden-Württemberg. Es folgten weitere Zulassungen etwa für die Verbraucherzentrale Bundesverband oder die gemeinnützige Organisation HateAid.
Kritiker sehen in dem Konzept der Trusted Flaggers die Gefahr einer Einschränkung der Meinungsfreiheit. Die Befürchtung: Der DSA könne dazu verwendet werden, politische Gegner durch den Vorwurf der Hassrede mundtot zu machen. Befürworter heben hingegen die hohen Anforderungen an Trusted Flaggers hervor und sehen in ihrer Arbeit ein wichtiges Instrument, um illegale Inhalte auf Online-Plattformen schnell zu melden und entfernen zu können.
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