Eugenie Brecher

Die jüdische Gemeinde in Düsseldorf nach dem Holocaust "Die meisten wollten weg aus Deutschland"

Eugenie Brecher ist 23 Jahre alt, als die Amerikaner sie im April 1945 aus einem Lager bei Düsseldorf befreien. Die polnische Jüdin will zunächst nach Israel ausreisen. Doch sie bleibt in Düsseldorf und erlebt den Neuaufbau der größten jüdischen Gemeinde in NRW.

Es ist ein ungewöhnlicher Gottesdienst, zu dem die Gläubigen im September 1945 zusammenkommen. Im Plenarsaal des Düsseldorfer Oberlandesgerichts feiern sie die Rosch ha-Schanah, das jüdische Neujahrsfest. "Wir waren vielleicht 50 oder 60", erinnert sich Eugenie Brecher, "ein kleiner Haufen Zurückgekehrter und Überlebender." Die meisten von ihnen haben Furchtbares erlebt. "Viele kamen aus den Lagern, vor allem aus Theresienstadt", erzählt die 83-Jährige, "andere hatten in Verstecken überlebt."

Als am 30. Januar 1933 die Nazis an die Macht kommen, zählt die jüdische Gemeinde in Düsseldorf noch über 5.000 Mitglieder. Nach dem Holocaust sind es 58. Wer die Shoa überlebt, geht nach Israel oder in die USA. Nur wenige Juden kehren nach Düsseldorf zurück. "Die, die hier blieben, waren vor allem Juden aus so genannten Misch-Ehen", erzählt Eugenie Brecher, "sie hatten durch ihre Verwandten noch enge Kontakte in der Stadt. Die meisten anderen hielt nichts mehr."

Kontaktaufnahme: die Düsseldorfer Polizei hilft

Oberlandesgericht Düsseldorf

Zum Beten ins Oberlandesgericht

Auch die 23-jährige Polin Eugenie will möglichst schnell weg aus Deutschland - nach Palästina. Die Deutschen hatten sie aus ihrer polnischen Heimatstadt Tarnopol zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Im April 1945 wurde sie von den Amerikanern aus einem Lager bei Düsseldorf befreit, doch zurück nach Polen - "nein, da hatte ich niemanden mehr." Bis alle Ausreise-Formalitäten geregelt sind, bleibt sie in Düsseldorf und macht sich auf die Suche nach anderen Überlebenden. "Ich habe einfach bei der Polizei gefragt. Die haben mir Adressen gegeben." Und so trifft Eugenie auf eine Düsseldorfer Gemeinde, die gerade neu zusammen findet. Nicht einmal einen Raum für Gottesdienste haben sie. Doch dann bietet man ihnen den Plenarsaal im Oberlandesgericht an. "Wir haben sehr viel Unterstützung bekommen", sagt Eugenie Brecher heute.

Über den Holocaust wird nicht gesprochen

Tatsächlich habe sie nach ihrer Befreiung "nur Gutes in Deutschland erfahren". Antisemitismus habe sie nach dem Krieg nie am eigenen Leibe erlebt. "Ich glaube nicht, dass alle Deutschen Täter waren. Von allen Seiten habe ich Hilfe bekommen und auch die Gemeinde ist unterstützt worden, wo es nur ging." Zum jüdischen Osterfest wurden sie zum Beispiel von einer großen Düsseldorfer Firma eingeladen. "Da gab es ein festliches Essen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Sekt getrunken."

Über den Holocaust wird in diesen ersten Nachkriegsjahren nicht gesprochen. Niemand fragt Eugenie, was sie vor 1945 erlebt hat. Und auch sie spricht nicht darüber. "Das war einfach kein Thema. Ich weiß nicht einmal, ob meine Vermieterin überhaupt vom Holocaust wusste. Die Auseinandersetzung damit kam ja erst mit den Prozessen in den sechziger Jahren." Auch heute spricht Eugenie Brecher nicht gern über ihre Zeit im Lager.

Als die Gemeinde 1948 ein neues Domizil in der Arnoldstraße bekommt, ist sie immer noch in Deutschland - und nicht in Palästina. Aber sie sitzt auf gepackten Koffern. "Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich hatte schon meinen Ausreisetermin, doch bei einem Gesundheits-Check stellte sich heraus, dass ich Tuberkulose hatte." Dreieinhalb Jahre laboriert Eugenie an der Lungenkrankheit, "und danach war irgendwie der richtige Zeitpunkt zum Ausreisen vorbei."

Die Gemeinde wächst

Synagoge in Düsseldorf

1958: Endlich wieder eine Synagoge

Sie bleibt, arbeitet im Landesverband der jüdischen Gemeinden von Nordrhein, heiratet. 1958 ist endlich die neue Synagoge in der Zietenstraße fertig. Zehn Jahre lang ist Eugenie Brecher im Gemeindevorstand - und erlebt, wie die Gemeinde weiter wächst.

Heute hat die jüdische Gemeinde in Düsseldorf 7.400 Mitglieder und ist damit die größte in NRW. Eugenie Brecher ist auch mit 83 noch voll in die Gemeindearbeit eingespannt. Sie kümmert sich um die älteren Zuwanderer - fast 90 Prozent der Gläubigen kommen heute aus der ehemaligen Sowjetunion - denn die gebürtige Polin spricht perfekt russisch. Dass es mit der Ausreise nach Palästina nicht geklappt hat - "nein, das habe ich nie bereut."