Impfgerechtigkeit: Sollten Ältere nur Astrazeneca bekommen?
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Die Skepsis gegenüber Astrazeneca ist groß - auch bei Senioren, die kein erhöhtes Risiko für schwere Nebenwirkungen haben. Viele Ältere warten daher lieber auf den Impfstoff von Biontech. Nehmen die Alten den Jungen "ihren" Impfstoff weg?
Die Gefahr von schweren Nebenwirkungen bei einer Impfung mit Astrazeneca ist verschwindend gering. Dennoch hat die anhaltende Diskussion um die Sicherheit das Image des Impfstoffs offenbar nachhaltig beschädigt. Aus ganz Deutschland und NRW berichten Hausärzte, dass viele Patienten ihren Impftermin platzen lassen - wenn sie erfahren, dass sie Astrazeneca bekommen sollen. Offenbar warten auch viele Senioren über 60 lieber auf eine Impfgelegenheit mit Biontech. Obwohl für sie das Risiko von schweren Hirnvenenthrombosen noch geringer ist als für jüngere Patienten.
Unsolidarisch? Oder sogar asozial?
Ist das unsolidarisch gegenüber der Jugend? Oder sogar asozial? Die 22-jährige Jura-Studentin Sophie Trexler aus Mönchengladbach hat kein Verständnis für solche Rosinenpickerei. Seit über einem Jahr müsse sie auf nahezu alles verzichten, was das Leben lebenswert macht, meint sie im Gespräch mit WDR aktuell. Sie habe das gerne auf sich genommen. "Ich finde, Jüngere müssen sich für Ältere einsetzen. Aber langsam sollten wir auch etwas zurückbekommen."
Insbesondere dürften sich Ältere nicht weigern, den für sie völlig ungefährlichen Astrazeneca-Impfstoff anzunehmen, fordert Sophie Trexler. Das gelte besonders für Männer. "Lasst für uns Biontech und Moderna, damit wir ins Leben zurückkehren können."
Mediziner: "Astrazeneca im Überfluss"
"Wir haben zurzeit Astrazeneca im Überfluss", sagt Oliver Funken, Allgemeinmediziner im Rhein-Sieg-Kreis und Vorstand des Hausärzteverbands Nordrhein, am Mittwoch im WDR 5 Morgenecho. "Gleichzeitig haben wir eine gewisse Verweigerung in allen Altersgruppen." Vor der Impfung sei also viel Überzeugungsarbeit gefragt, was eine Menge Zeit koste. Die meisten Patienten willigten aber schließlich ein. Er erwarte von der älteren Generation in dieser Frage Solidarität - auch weil die Vorteile einer Astrazeneca-Impfung im Vergleich zu den Risiken unschlagbar seien.
Hausarzt wirbt für Verständnis
Guido Marx, Hausarzt in Köln, wirbt hingegen für Verständnis für die ältere Generation. Wenn jemand Angst vor einer Impfung mit Astrazeneca habe, "dann kann ich ihn nicht überreden", sagte Marx am Dienstag im Gespräch mit der Aktuellen Stunde. "Vertrauen kann man nicht einfordern" - das Alter der Patienten sei in diesem Zusammenhang egal. Insgesamt habe er aber den Eindruck, dass Astrazeneca in jüngster Zeit wieder mehr akzeptiert werde. Das hänge wohl damit zusammen, dass die Patienten von den Corona-Einschränkungen müde seien und möglichst schnell die Privilegien von Geimpften genießen wollen.
So entspannt sehen das nicht alle Ärzte: Viele junge Leute hätten keine Chance auf eine Impfung, weil die über 60-Jährigen ein Impfangebot ablehnen, sagte Mediziner Peter Weitkamp aus Kirchlengern kürzlich dem WDR. Die Politik sei schlicht zu feige, um klare Regeln zu verkünden. Das einzig Richtige sei: "Die über 60-Jährigen werden mit Astrazeneca geimpft, die Jüngeren mit Biontech."
Großteil der Biontech-Lieferungen für Zweitimpfungen reserviert
Das Problem dürfte sich in den kommenden Wochen noch verschärfen. Denn weil im Mai ein Großteil der knappen Biontech-Dosen für Zweitimpfungen reserviert sind, wird für die Erst-Impfungen in Arztpraxen wohl fast ausschließlich Astrazeneca zur Verfügung stehen, meldet die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein (KVNO).
Die Jüngeren seien frustriert, sagt Wissenschaftsjournalist Mirko Drotschmann, besser bekannt unter seinem Youtube-Pseudonym "MrWissen2go", im Gespräch mit dem WDR. "Wir waren so lange solidarisch und haben die Füße stillgehalten, um die Älteren zu schützen. Nun sind die bald alle geimpft und wir wissen immer noch nicht, wann wir dran sind." Allerdings habe er im Gespräch mit seinen Usern nicht den Eindruck gewonnen, dass sich ihr Zorn gegen die Älteren richte. Die Wut richte sich vor allem auf die Politik, beziehungsweise auf die holprige Impfkampagne mit ihrer teilweise ungerechten Priorisierung.
MrWissen2go: Corona setzt auch Jugendliche unter Druck
Er könne die schlechte Stimmung bei Jugendlichen gut nachvollziehen, sagt Drotschmann. Die Politik habe sie vielleicht nicht vergessen. "Aber sie haben vielleicht gedacht: 'Mit denen kann man das machen'", weil sie flexibler sind als die Älteren. Das sei aber ein Trugschluss. Die Corona-Krise bringe auch Jugendliche an ihre Schmerzgrenzen, die psychischen Erkrankungen in der Altersgruppe nähmen zu.